Streit um Homo-Ehe:Vermeintlich ruinöser Wettbewerb der Partnerschaften

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Bei genauerem Hinsehen erweisen sich die vorgebrachten Argumente als sehr abstrakt. Häufig wird Gott bemüht, der die Menschen als Mann und Frau geschaffen und sich "dabei etwas gedacht" habe. Andere bemühen das Grundgesetz, wie Katherina Reiche bei Günther Jauch: Seit "unsere Väter und Mütter das Grundgesetz geschrieben haben", stünden "Ehe und Familie" unter einem besonderen Schutz. Nun frage sie sich, wie wir diesen besonderen Schutz künftig aufrechterhalten sollen, wenn Schwule und Lesben Kinder adoptieren dürfen und steuerlich gleichgestellt werden.

Nun haben weder Katherina Reiche noch Erika Steinbach oder sonst ein Gegner der Gleichstellung bislang plausibel erklärt, wieso die Aufwertung einer Institution zur Abwertung einer anderen führen muss. Sie spielen die beiden Lebensentwürfe gegeneinander aus und zeichnen das irrwitzige Bild eines ruinösen Wettbewerbs zwischen Ehe und gleichgeschlechtlicher Lebenspartnerschaft, der so nicht existiert (und nie existiert hat).

Befürchten sie, dass eine heterosexuelle Frau künftig lieber eine gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft eingeht, nur weil lesbische Paare auch vom Ehegattensplitting profitieren? Wird die ganze Nation plötzlich homosexuell und nimmt Abstand vom Kinderkriegen, weil Diskriminierung abgebaut wird? Nein, Lebenspartnerschaft und herkömmliche Ehe können sehr wohl in friedlicher Koexistenz leben.

Wer die Ehe - wie Artikel 6 des Grundgesetzes tatsächlich fordert - schützen will, darf nicht andere Lebensformen herabsetzen. Der muss im Gegenteil dazu Anreize schaffen, dass Menschen - egal ob homo- oder heterosexuell - füreinander Verantwortung übernehmen und sich für Kinder entscheiden. Dazu gehören eine vernünftige Familienpolitik, die Förderung die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine wirkungsvolle Bekämpfung der Kinderarmut und - ja: auch die Organisation von finanzieller Unterstützung. Dies jedoch hat unabhängig davon zu sein, ob die Kinder in einer schwulen Beziehung aufwachsen, in einer lesbischen, ob sie in einer Patchworkfamilie leben, bei einer alleinerziehenden Mutter oder doch in der traditionellen Vater-Mutter-Kind-Familie.

In der Union gibt es viele, die das verstanden haben, das zeigt der Antrag einer Gruppe CDU-Abgeordneter zur Gleichstellung der Lebenspartnerschaft. Und doch wirft sich die Partei an die sogenannten konservativen "Stammwähler" heran. Der CDU-Parteitag hat den Antrag mit den Stimmen der Bewahrer abgelehnt, auch das Parteipräsidium zementiert mit seiner aktuellen Entscheidung den Status quo. Katherina Reiche ist mit ihren Positionen ganz offensichtlich keine Exotin in ihrer Partei.

Das Mantra: "Wir können nichts dafür"

Damit jagt die Union einer Minderheit hinterher, die auch wegen einem Ja zur Gleichstellung sicher nicht bei der Bundestagswahl im Herbst zu Hause bleiben wird. Sie umgarnt diese Minderheit dennoch. Schließlich glaubt sie, dieser Wählergruppe in den vergangenen Monaten bereits zu viel zugemutet zu haben.

"Wir können nichts dafür", rufen die Unionsvertreter stets, um die Anpassung der Parteilinie an die Realität zu begründen. Die Energiewende sei Folge einer unvorhersehbaren Katastrophe (Fukushima). Die Wehrpflicht habe sich beim besten Willen nicht aufrechterhalten lassen. So ist jede Änderung der christdemokratischen DNA höherer Gewalt geschuldet.

So wird es auch bei der Homo-Ehe laufen, die von der Union seit Jahren ohne Erfolg bekämpft wird (bis hin zur im Jahr 2002 gescheiterten Verfassungsklage der unionsgeführten Länder Bayern, Sachsen und Thüringen). Die Gleichstellung wird sich nur schwer verhindern lassen. Und dann wird das Verfassungsgericht schuld sein.

Und während sich die Bewahrer in der CDU dann ein neues Thema suchen müssen, werden Familie und Ehe in Deutschland weiter wie eh und je geschützt. Es fragt nur keiner mehr, ob sie in einer hetero- oder homosexuellen Beziehung gelebt wird.

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