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Streit um Holocaust-Leugner:Der Vatikan sucht einen Schuldigen

Holocaust-Leugner Williamson hat sich beim Papst entschuldigt. Im Kirchenstaat wird der Skandal als Panne dargestellt - doch Fragen bleiben.

Stefan Ulrich

Wusste Benedikt XVI., was er tat? Gerade einmal 0,1 Prozent aller Katholiken machen die Anhänger des verstorbenen Marcel Lefebvre aus. Diese Splittergruppe hat der Papst stärker an seine Kirche gebunden, indem er die Exkommunikation von vier Bischöfen, darunter einem Holocaust-Leugner, aufhob.

Will das Schisma in der katholischen Kirche überwinden: Papst Benedikt XVI.

(Foto: Foto: AP)

Der Preis: Jüdische Organisationen brechen den Dialog mit dem Vatikan ab. Britische und italienische Abgeordnete aller Couleur sowie die niederländische Regierung äußern Entsetzen. Katholische Priester, Theologen und einfache Gläubige verstehen ihren Papst nicht mehr. Der brasilianische Befreiungs-Theologe Leonardo Boff warnt vor einem Schisma; und deutschsprachige Bischöfe distanzieren sich in einer Weise vom Vatikan, die - für katholische Verhältnisse - an Aufruhr grenzt.

Überspitzt formuliert: 99,9 Prozent der Katholiken leiden nun unter den 0,1 Prozent. Wie konnte sich der Papst so verrechnen? Wer Antworten sucht, muss zumindest bis ins Jahr 1988 zurückgehen. Damals hieß Benedikt noch Kardinal Joseph Ratzinger und wirkte als Präfekt der Glaubenskongregation. Seine Mission war es, die Kirche vereint im reinen Glauben unter dem Primat des Papstes zu halten.

Das war schwer in jenen Jahren. Von "links" machten ihm die Befreiungstheologen zu schaffen. Von "rechts" setzten ihm die Erztraditionalisten unter Lefebvre zu. Diese Lefebvristen hielten die Neuerungen des Zweiten Vatikanischen Konzils für falsch bis ketzerisch. Sie sahen die Vorrangstellung der katholischen Kirche gefährdet, wenn mit anderen Konfessionen und Religionen von gleich zu gleich gesprochen und die Religionsfreiheit akzeptiert werde.

Auch die Aussöhnung mit den Juden betrachteten die Traditionalisten mit Skepsis, da sie diese doch bekehren wollten. Ein Greuel war ihnen die Liturgiereform samt der Abschaffung der "tridentinischen Messe".

Kardinal Ratzinger hatte Verständnis für das Unbehagen an der Liturgie. Auch er trauerte der lateinischen Messe nach und fand, "dass die Kirchenkrise, die wir heute erleben, weitgehend auf dem Zerfall der Liturgie beruht". Nur: Der Kardinal stand hinter den Grundsätzen des Konzils wie der Versöhnung mit den Juden.

In zähen Verhandlungen mit den Lefebvristen versuchte er, eine Kirchenspaltung zu verhindern. Doch Lefebvre machte alles zunichte, indem er ohne das Plazet des Papstes Bischöfe weihte. Damit zog er sich und den Neubischöfen automatisch die Exkommunikation zu.

Ein Lebenstrauma

Das Schisma muss Ratzinger schwer getroffen haben. Von einem "Lebenstrauma" spricht ein Monsignore. "Die Beseitigung des Schismas wurde für ihn zum großen persönlichen Anliegen." Als der Kardinal Papst wurde, machte er sich an die Aussöhnung. Am 29. August 2005 empfing er in Castel Gandolfo den Anführer der Sektierer, Bischof Bernard Fellay.

Von einem "Klima der Liebe für die Kirche und dem Wunsch, zur vollkommenen Gemeinschaft zu gelangen", war die Rede. Im selben Jahr betonte Benedikt in einer Rede vor der Kurie, das Vatikanische Konzil bedeute keinerlei Bruch mit der Tradition. Im Juli 2007 ließ er weitgehend die lateinische Messe zu.

Die Lefebvristen bewegten sich nicht. So polemisierte Bischof Fellay im Oktober 2008 gegen die Neuerungen des Konzils: "Wir wollen dieses Gift nicht trinken." In einem Brief an die Kurie bekannte er sich formal zum Primat des Papstes, aber nicht zum Konzil.

Dennoch fand es Benedikt an der Zeit, die Exkommunikation aufzuheben. In Vatikankreisen heißt es, noch nie sei ein Papst Schismatikern so weit entgegen gekommen. "Die Risikobereitschaft Benedikt XVI. ist historisch einmalig."

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