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Foto-Beweis für den Tod Bin Ladens:Obamas Schweigen

Nach den Kommunikationspannen der vergangenen Tage hat US-Präsident Barack Obama ein Machtwort gesprochen: Die Fotos von Bin Ladens Leiche bleiben unter Verschluss. Der Schritt löst in den USA eine heftige Debatte aus. Und nur wenige Stunden später verbreitet eine Nachrichtenagentur doch Leichenfotos.

Kathrin Haimerl

Eine tödliche Mission mit vielen offenen Fragen: Seit dem US-Einsatz in dem dreistöckigen Gebäude im pakistanischen Abbottabad ist kein Tag vergangen, an dem das Weiße Haus nicht zentrale Details zu den Umständen der Tötung von Osama bin Laden revidieren musste. Gestern dann die wohl schwerwiegendste Korrektur: Auf die Nachfrage eines Reporters räumte Regierungssprecher Jay Carney ein, dass der Al-Qaida-Chef nicht bewaffnet war.

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US-Präsident Barack Obama hat angeordnet, dass die Fotos der Leiche von Osama bin Laden unter Verschluss bleiben. Und nicht nur das: Nach den Kommunikationspannen der vergangenen Tage sollen keine weiteren Details zur Kommandoaktion nach außen sickern.

(Foto: AFP)

Jetzt die Kehrtwende in der Kommunikationspolitik der US-Regierung: Barack Obama hat verkündet, dass die Fotos der Leiche des getöteten Al-Qaida-Chefs unter Verschluss gehalten werden sollen. Das Gleiche gilt für das Material, das die US-Spezialisten in dem Unterschlupf in Abbottabad sicherstellen konnten.

US-Medienberichten zufolge habe das Weiße Haus außerdem angeordnet, dass keine weiteren Details zu der Kommandoaktion in der Nacht auf Montag veröffentlicht werden. In der Washington Post ist die Rede von einem regelrechten Informationsstopp. Das Weiße Haus erklärte, man wolle die Durchführung künftiger, ähnlich gelagerter Operationen nicht gefährden.

Bezüglich der Aufnahmen begründete der US-Präsident seine Entscheidung damit, dass deren Veröffentlichung die nationale Sicherheit der USA gefährden könnten. "Wir wollen nicht, dass diese Bilder zu Ikonen werden, mit denen sich die öffentliche Meinung gegen die USA weiter aufheizen lässt", erklärte Regierungssprecher Carney in einer Pressekonferenz.

In einem Interview mit dem Sender CBS, das auszugsweise vorab bekannt wurde, sagte Präsident Obama selbst, er wolle nicht, dass die Fotos als Propagandamittel missbraucht würden. "Es gibt keinen Zweifel daran, dass wir Osama bin Laden getötet haben." Wer davon nicht überzeugt sei, für den werde auch ein Bild keinen Unterschied machen. "Es wird ein paar Leute geben, die das (die Tötung Bin Ladens) bestreiten", erklärte Obama. Tatsache sei jedoch, "dass man Osama bin Laden nicht wieder auf dieser Erde herumlaufen sehen wird".

Dass Leichenfotos als Beweis möglicherweise nicht ausreichen könnten, hat sich bereits in der Debatte der vergangenen Tage abgezeichnet. "Obama hat keinen starken Beweis, der seine Behauptung, er habe Sheikh Osama bin Laden getötet, untermauert", zitiert der Fernsehsender CNN einen Sprecher der Taliban. Darüber hinaus habe es für die Todesmeldung noch keine Bestätigung von Seiten der Quellen gegeben, die dem Terrorchef nahestünden. In einem arabischsprachigen Internetforum schreibt ein Nutzer: "Es gibt kein Video oder irgendetwas, was den Tod beweisen würde. Sie warfen seine Leiche ins Meer: Hört sich für mich wie ein Hollywood-Film an."

Dennoch kommt die Entscheidung gegen die Veröffentlichung der Fotos überraschend, hatten sich doch seit Bekanntgabe der Tötung Bin Ladens am frühen Montagmorgen zahlreiche US-Politiker dafür ausgesprochen. Zuletzt plädierte auch CIA-Chef Leon Panetta dafür, die Aufnahmen an die Medien zu geben, um die Spekulationen zu beenden: "Ich denke, es ist wichtig, sie zu veröffentlichen. Schließlich wissen sie, dass wir sie haben", zitieren US-Medien Panetta.

Der Fernsehsender CNN berichtet, dass das Team um Präsident Obama alles andere als erfreut über diese Bemerkungen gewesen sein muss. Der Präsident selbst sei von Anfang an gegen die Veröffentlichung der Fotos gewesen. Der Sender beruft sich dabei auf einen hochrangigen Beamten der Demokraten, der dem Weißen Haus nahesteht. Regierungssprecher Carney sagte, Obama habe seine Entscheidung gefällt, nachdem er sein Kabinett und mehrere Sicherheitsberater angehört habe. Die Mehrheit hätten Obama zu diesem Schritt geraten, darunter auch Verteidigungsminister Robert Gates und Außenministerin Hillary Clinton.

Palin: "Das Foto als Warnung"

In den USA hat die Entscheidung inzwischen eine heftige Debatte ausgelöst - über Parteigrenzen hinweg: Der republikanische Senator Lindsey Graham, South Carolina, sprach von einem "Fehler". Der ganze Zweck des Einsatzes der Soldaten sei es doch gewesen, einen unbestreitbaren Beweis für den Tod Bin Ladens zu bekommen, sagte Graham. Den dürfe man der Welt nun nicht vorenthalten. Ähnlich äußerte sich der Republikaner Duncan D. Hunter, Kalifornien. "Ich persönlich will die Bilder sehen. (...) Als Amerikaner haben wir ein Recht darauf, sie zu sehen."

Allerdings hat Obama auch auf republikanischer Seite Unterstützer, darunter den Kongressabgeordneten Mike Rogers. Die Veröffentlichung der Fotos würde die Arbeit der amerikanischen Truppen im Ausland erschweren, sagte er dem Sender CBS in einem Interview. "Stellen Sie sich nur vor, wie die Amerikaner reagieren würden, wenn al-Qaida einen unserer hochrangigen Militärs töten und Fotos davon ins Internet stellen würde", so Rogers.

Wenig überraschend die Reaktion der konservativen Hardlinerin Sarah Palin: Über ihren Twitter-Account forderte die ehemalige Gouverneurin von Alaska US-Präsident Obama auf, "endlich zur Sache zu kommen": "Zeig das Foto als Warnung an alle, die die Zerstörung Amerikas herbeisehnen!"

So vollständig, wie Obama es mit seinem Machtwort gern erzwingen würde, lassen sich die Informationen um die Umstände des Todes von Bin Laden sowieso nicht kontrollieren, wie sich schnell gezeigt hat:

Einem pakistanischen Sicherheitsmann war es gelungen, etwa eine Stunde nach dem US-Einsatz in den Gebäudekomplex Bin Ladens einzudringen und Fotos zu machen. Der Mann, der anonym bleiben will, hat die Bilder an die Nachrichtenagentur Reuters verkauft. Die Aufnahmen zeigen die drei blutüberströmten Leichen der Getreuen des Al-Qaida-Führers.

© sueddeutsche.de/mcs

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