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Streit in der Piratenpartei:Politiker ohne Schutzpanzer leben gefährlich

Menschen wie Schramm sind in den vordersten Reihen der Politik immer gefährdet, weil sie mehr Angriffsfläche bieten als Menschen, die - wie man so schön sagt - "professionell" agieren, sich also für die Politik einen Schutzpanzer zulegen. Auf derart inhaltlich und emotional ungefilterte Auftritte wie die von Julia Schramm reagiert auch das Gegenüber ungefiltert. Unterstützer werden so zu Fans, Kritiker zu Feinden. Beide Gruppen unterscheiden dabei nicht zwischen der Politikerin Schramm und der Privatperson, genau wie Schramm selbst diese Unterscheidung verweigert. Dennoch ist es nicht schwer, sich vorzustellen, wie sehr Julia Schramm die vielen Angriffe unter der Gürtellinie, denen sie seit Längerem ausgesetzt ist, zu schaffen machen.

'stern.de': Piraten-Politikerin Schramm will zuruecktreten

Julia Schramm musste viel einstecken - denn sie provozierte gern mit ihren Auftritten und vertrat extreme Meinungen.

(Foto: dapd)

Ganz anders liegt der Fall bei Matthias Schrade. Ihm darf man getrost ein dickes Fell unterstellen. Er ist einer, der unbeirrt immer weiter macht und Rückschläge zumindest äußerlich schnell verdaut - etwa die Tatsache, dass er es trotz unermüdlichem Engagements für die Partei in Baden-Württemberg nicht auf einen der aussichtsreichen Listenplätze für die Bundestagswahl geschafft hat. Schrade stellt in seinem halben Rücktritt die klassische Machtfrage: Er oder ich. Und dieses "Er oder ich" zwingt die Piraten in eine Richtungsentscheidung.

Nun sind Richtungsentscheidungen für eine junge Partei zunächst völlig normal. Mit jedem Programmpunkt, der zu den Kernthemen hinzukommt, wird klarer, wohin die Reise geht. Bedingungsloses Grundeinkommen - ja oder nein. Feminismus - ja oder nein. Euro-Rettungschirm - ja oder nein. Jede Entscheidung vergrätzt womöglich einen Teil der Mitglieder, die der Partei im vergangenen Jahr in Scharen zugelaufen sind.

Und so könnte man den Fall Schrade vs. Ponader leicht als inhaltliche Auseinandersetzung deuten: Ponader ist bei den Piraten der radikalste Verfechter eines bedingungslosen Grundeinkommens, der selbstständige Unternehmer Schrade steht eher für den liberalen Flügel der Partei.

Doch die Wahrheit ist, dass sowohl Matthias Schrade als auch andere "liberale" Piraten wie zum Beispiel Parteivize Sebastian Nerz das Votum ihrer Partei für das bedingungslose Grundeinkommen im vergangenen Jahr ohne große Widerworte akzeptiert haben. Sie stört nicht, wofür Ponader inhaltlich steht - sondern wie er es präsentiert. Ponader hat zu Beginn seiner Amtszeit seine politischen Inhalte - ganz ähnlich wie Schramm - mit seinem persönlichen Schicksal, seinem Lebenslauf und seinen intimsten Erfahrungen verbunden. Darin ist er übrigens Julia Schramm ziemlich ähnlich.

Für viele seiner innerparteilichen und außerparteilichen Kritiker ist allein das Auftreten des politischen Geschäftsführers eine Provokation. Wie selbstverständlich er für sich einen alternativen Lebensstil proklamiert - auf Kosten der Steuerzahler! Dieser Schmarotzer! Taugenichts! Möchtegern-Künstler! Und dann auch noch diese bescheuerten Sandalen! Dieses Unbehagen verdichtete sich in der in ihrer Schlichtheit stammtischverdächtigen Aussage Bernd Schlömers, Ponader solle "mal arbeiten".