bedeckt München 14°

Streifzug im neuen Bundestag:Die Linke ist stark geschwächt - und dann auch noch zerstritten

Wenn Petra Sitte spricht, blickt sie konzentriert auf eine Fotografie an der Wand ihres Abgeordnetenbüros. Darauf sind Teilnehmer eines Radrennes zu sehen, Sittes große Leidenschaft. Petra Sitte war bis zuletzt Erste Parlamentarische Geschäftsführerin der Linken-Fraktion. Ihre Partei steckt in einer schwierigen Lage: Sie erreichte bei der Wahl zwar einen höheren Stimmanteil als noch 2013. Doch statt wie früher Oppositionsführerin zu sein, dürfte sie nach SPD und AfD absehbar kleinste Oppositionsfraktion sein. Und der eigene Turm im Bundestag ist wohl auch Geschichte.

"Wir werden hier keinen 30-jährigen Krieg um einen Turm des Bundestages führen", sagt Sitte bestimmt. Statt über Räume und Türme möchte die 56-Jährige über Inhalte streiten. Das dürfte als kleinste Fraktion abseits der Regierung schwierig genug sein. Mangels Gestaltungskraft zählt auf der Oppositionsbank mediale Aufmerksamkeit. "In aller Regel fragen die Medien lieber die Oppositionsführerin als die übrigen Parteien, also aller Voraussicht nach die SPD. Und die AfD wird mit ihrer Linie der Skandalisierung und der Provokation auch noch einmal eine andere Aufmerksamkeit bekommen", sagt Sitte. "Das wird ein ernsthaftes Problem für uns." Ein erbitterter Streit zwischen der Partei- und Fraktionsführung der Linken kommt noch hinzu, wie sich vergangene Woche zeigte.

Im neuen Bundestag sitzen 709 Abgeordnete, so viele wie nie zuvor. Eigentlich hat der Bundestag nur 598 Sitze. Die eine Hälfte, also 299, werden in den Wahlkreisen direkt gewählt. Die andere Hälfte der Parlamentarier zieht über die Landeslisten ein. Dass es nun gleich 111 Abgeordnete mehr sind, liegt am System der Überhang- und Ausgleichsmandate. Die CSU etwa hat alle 46 Direktmandate in Bayern gewonnen. Durch das überraschend schlechte Ergebnis bei den Zweitstimmen stünden den Christsozialen aber eigentlich weniger Sitze zu. Die Sieger in den Wahlkreisen kommen trotzdem alle in den Bundestag, dadurch ergeben sich die sogenannten Überhangmandate. Damit die Verteilung aller Parlamentarier letztlich wieder dem Ergebnis der Zweitstimmen entspricht, gibt es die sogenannten Ausgleichsmandate. Der scheidende Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hatte vorgeschlagen, die Zahl der Abgeordneten auf 630 zu deckeln. Die Parteien konnten sich allerdings nicht auf eine Wahlrechtsreform einigen.

FDP-Abgeordnete arbeiten erst einmal im Coworking-Büro

So muss die Bundestagsverwaltung in diesen Tagen nicht nur Tausende Umzüge von Abgeordneten und ihren Mitarbeitern organisieren, sondern auch noch so viele Büros bereitstellen wie noch nie. Das spüren vor allem Lukas Köhler (FDP) und seine liberalen Kollegen. Statt in ihren neuen Büros sitzen viele von ihnen in einem umfunktionierten Tagungssaal im Hans-Dietrich-Genscher-Haus, der Parteizentrale der FDP in Berlin-Mitte. "Willkommen im FDspace!" steht auf einem bunten Aufsteller. Im mit Buche vertäfelten Saal dahinter drängen sich Abgeordnete und ihre Mitarbeiter, auf den Tischen stapeln sich Akten und Laptops.

Während die Führungsriege der Liberalen in Gesprächen mit Union und Grünen eine mögliche Regierungskoalition sondiert, arbeitet sich Lukas Köhler in das Leben als Abgeordneter ein. Der hochaufgeschossene 31-Jährige aus München ist promovierter Philosoph. "Charmant" nennt er die Arbeitsatmosphäre im Großraumbüro. Telefonate führt er trotzdem lieber auf dem Gang oder gleich im Hotel. Bis Februar, hofft er, können er und sein Team ihre eigenen Büros beziehen.

Dafür bräuchte Köhler aber erst einmal Mitarbeiter. 82 Bewerbungen hat er dafür schon bekommen. "Die habe ich noch nicht alle abarbeiten können, muss ich gestehen", sagt er. Die Interessenten sind ganz unterschiedlich - altgediente FDP-Mitarbeiter, die nach dem Scheitern der Liberalen 2013 ihre Jobs verloren, wechselwillige Mitarbeiter anderer Fraktionen, aber auch Polit-Neulinge, erzählt er. Am meisten hat ihn überrascht, dass im Bundestag alles über Formulare und ein Faxgerät läuft: "In meinem Leben habe ich dreimal ein Fax benutzt, jetzt schaue ich mir gerade an, wie das funktioniert."

Sobald er sein Team beisammen hat und deren technische Ausstattung organisiert ist, will er sich endlich um eine Wohnung in der Hauptstadt kümmern. Gerade lebt er in einem Hotel. Immerhin das sei schon ein Fortschritt, erzählt er. "Letzte Woche habe ich bei einem Berliner Kumpel in der WG auf der Couch geschlafen."

Wenn Köhler an diesem Dienstag das erste Mal im Plenarsaal Platz nimmt, dann wird sich seine Fraktion zwischen denen der AfD und der Union wiederfinden. Das wollte die FDP unbedingt verhindern. Zumindest für die konstituierende Sitzung hat der Ältestenrat diese Sitzung nun aber festgelegt. Ein kleiner Trost für die Liberalen: Ursprünglich sollte Wolfgang Schäuble (CDU) den Bundestag als Alterspräsident eröffnen. Da der 75-Jährige aber in ebenjener Sitzung zum Bundestagspräsidenten gewählt werden soll, darf der FDP-Mann Hermann Otto Solms die erste Sitzung des neuen Bundestages mit einer Rede eröffnen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema