(SZ) Es gibt wohl kaum einen Autor, dem so viele Bonmots zugeschrieben werden wie Mark Twain. Zum Beispiel: „Eine Lüge ist schon um die halbe Welt gereist, bevor die Wahrheit sich auch nur ihre Schuhe angezogen hat.“ Oder: „Es ist besser, den Mund zu halten und dumm zu wirken, als ihn zu öffnen und alle Zweifel zu beseitigen.“ Beides tolle Aphorismen, beide nicht von Mark Twain. Wirklich gesagt hat er allerdings den berühmten Satz: „Die Nachricht über meinen Tod war eine Übertreibung.“ Twain war 1897 in London, um für das New York Journal über Queen Victorias diamantenes Thronjubiläum zu berichten. Dort lebte auch sein Cousin James Clemens, der erkrankt war. Aus der Erkrankung des Cousins entstand jenseits des Atlantiks im Stille-Post-Verfahren die Ente vom Ableben Mark Twains. Was folgenden, ebenfalls fälschlich Twain zugeschriebenen Spruch bestätigte: „Liest man keine Zeitung, ist man uninformiert. Liest man sie, ist man falsch informiert.“
So witzig und souverän Twain damit umging, so unschön ist es zweifellos für Lebende, vom eigenen Tod aus der Zeitung oder dem Internet zu erfahren. Viele haben dieses Schicksal erlitten, darunter Charlie Chaplin, Paul McCartney, Jon Bon Jovi, Eminem, Queen Elizabeth II. und Harry Belafonte. Dass die Hälfte von ihnen mittlerweile tatsächlich das Zeitliche gesegnet haben, macht die Falschmeldung übrigens nicht entschuldbarer. Manchmal wirkt eine unwahre Todesnachricht jedoch erschreckend plausibel. So verbreitete sich jüngst die traurige Kunde, das vermutlich älteste Landtier, die geschätzte 194 Jahre alte Riesenschildkröte Jonathan, sei „friedlich auf St. Helena entschlafen“. Auf dem X-Konto, das angeblich Jonathans Tierarzt Joe Hollins betrieb, wurde um Kryptospenden gebeten. Das löste so viele besorgte Nachfragen aus, dass Nigel Phillips, der britische Gouverneur St. Helenas, sich genötigt sah, nachts im Gehege der Schildkröte nach dem Rechten zu sehen. Der echte Doktor Hollins, der gar kein X-Konto besitzt, versicherte, Jonathan sei wohlauf, der Spendenaufruf eine Betrugsmasche. Und Gouverneur Phillips zitierte im Namen der Schildkröte Mark Twain: „Die Nachricht über meinen Tod war eine Übertreibung.“
Beruhigend ist bei all dem, dass die Todesmeldung Jonathan offenkundig kalt ließ. Er hat halt schon so viel mehr gehört und gesehen als jeder andere – darunter nicht nur Queen Victorias Diamantjubiläum 1897, sondern bereits ihre Thronbesteigung 1837 sowie den im Jahre 1910 dann leider doch eingetretenen Tod Mark Twains. Doch statt sich ob seiner Sterblichkeit zu sorgen, unternimmt Jonathan weiter Paarungsversuche mit zwei Schildkrötendamen. Im Vergleich dazu war Charlie Chaplin, mit dem Jonathan sich die zweifelhafte Ehre teilt, zu früh für tot erklärt worden zu sein, ein lächerlich junger Hüpfer, als er mit 73 sein letztes Kind zeugte.