(SZ) Wer das doppelte Glück hatte, in den Siebzigerjahren aufzuwachsen und dabei einen Fernseher nutzen zu können, weiß, dass die Ado-Gardine nur echt und ernst zu nehmen war mit der Goldkante. Dabei werden Kulturhistoriker vermutlich einen melancholischen Ausdruck in ihre feinen Gesichter legen, denn selbstverständlich war die Goldkante bereits damals ein Auslaufmodell. Hinter der Kante war das Gold schon matt geworden, es winkte von dort bereits das traurige Zeitalter der gardinenlosen Fenster herüber in die noch heile Elfi-von-Kalckreuth-Welt. Der wahre Goldrausch überkam die Deutschen nach dem Weltkrieg, den sie zwar verloren hatten. Aber dafür gewannen sie den Wettbewerb um das stärkste Wirtschaftswunder der westlichen Welt, und das ließen sie sich vergolden. Hausfrauen, die nach dem Bügeln traurig wurden und von fernen Inseln träumten, nahmen ein Gläschen Frauengold, schon ging es ihnen besser und das Bügeleisen glitt über das gestärkte Herrenhemd wie die Kon-Tiki durch den Pazifischen Ozean. Der Großvater saß im Sessel und rauchte seine Handelsgold. Die Großmama setzte sich weit weg vom miefigen Zigarrendunst bei einer Tasse Nescafé Gold ans Fenster, wo ihr – es waren Zeiten, in denen sich wirklich alles rundete – die Goldkante sagte, dass sie auch mit den Gardinen alles richtig gemacht hat.
GlosseDas Streiflicht
Lesezeit: 2 Min.
Früher war alles aus Gold: die Gardinen, der Kaffee, der Sekt, das ganze Leben. Und nun soll es damit zu Ende sein?