(SZ) Die Flaschenpost, eine einstmals beliebte Form des portofreien Briefversands, spielt im weltweiten Kommunikationswesen mittlerweile eine derart geringe Rolle, dass ihr Untergang nur eine Frage der Zeit ist. Das mag zum einen daran liegen, dass es kaum noch Schiffbrüchige gibt, die als Alleinbewohner entlegener Inseln Flaschenpostbriefe an die Lieben daheim senden; zum anderen sind Whatsapp, Insta, X und dergleichen Teufelszeug doch etwas schneller als eine im Ozean treibende Rum-Buddel, die es mit der Zustellung ebenso wenig eilig hat wie die Deutsche Post. Das ist schade, denn im Wesen der Flaschenpost liegt etwas erregend Unbestimmtes: Wer beispielsweise einen in der Flasche verstöpselten Liebesbrief in den Atlantik wirft, kann nicht wissen, ob die Dame, die ihn hundert Jahre später findet, auch die Richtige für ein Leben zu zweit gewesen wäre. Der Zufall und die Hoffnung verleihen der Flaschenpost eine romantische Aura, weshalb sie stets handschriftlich und mit erlesenen Worten formuliert sein sollte. Ein abschreckendes Beispiel ist die am 12. Juni 1886 vom deutschen Segelschiff Paula ins Meer geworfene Flaschenpost, die 132 Jahre später in Australien auftauchte. Der Finder, so deren schnöde Botschaft, möge den Brief an die Deutsche Seewarte in Hamburg senden. Basta! Kein Hilferuf, kein Liebesgesäusel, ja nicht einmal eine Schatzkarte – auf diese Weise geht die Flaschenpost natürlich den Bach runter.
Soeben hat ein Gärtner bei Oberwesel am Rhein eine Sektflasche ausgegraben, die eine Schiffsspeisekarte von 1958 enthielt. In Handschrift ist auf der Rückseite zu lesen, die Absenderin wünsche sich Brieffreunde. Flaschenpost-Detektive haben herausgefunden, dass die Dame heute 90 Jahre alt ist, in der Eifel lebt und als Köchin auf dem Schiff Drachenfels arbeitete, als sie die Bouteille in den Rhein warf. Ihr Ruf nach Freundschaft entspricht durchaus dem verträumten Anspruch der Flaschenpost, irgendwo auf der Welt einen Seelenverwandten zu finden. Allein deshalb ist der Brief in der Pulle für den politischen Meinungsaustausch, etwa zwischen Kanzler und CDU, ungeeignet.
Heute eine Flaschenpost in den Rhein zu werfen, wäre nicht nur unzulässige Müllentsorgung, sondern auch aussichtslos. Der Fluss führt kaum noch Wasser – weiß der Himmel, warum. Schon nach wenigen Metern würde die Flasche auf Grund laufen und von Schatzsuchern geborgen. Diese sind derzeit in Massen ausgeschwärmt, um im trockenen Flussbett nach Preziosen zu wühlen. Der Premiumfund wäre der Nibelungenschatz, den der fiese Hagen von Tronje im Rhein versenkt hat. Vielleicht findet man darin auch eine Flaschenpost des Drachentöters Siegfried, in der steht: „Sollte eines Tages ein Herr Wagner eine Oper über mich schreiben, glaubt ihm kein Wort. Es ist alles gelogen.“
