Straßenbahn in Jerusalem Fahrt durchs Minenfeld

Nahostkonflikt: Die Tram Linie 1 durch Jerusalem ist Zielscheibe des Hasses.

(Foto: Alessandra Schellnegger)

Sie soll ein Symbol sein für das Zusammenleben von Arabern und Juden. Stattdessen entlädt sich an ihr der Hass: Die Jerusalemer Straßenbahn ist zum Anschlagsziel geworden. Eine Fahrt durch umkämpftes Gebiet.

Von Peter Münch, Jerusalem

Der Abend hat sich schon herabgesenkt über Jerusalem, die Menschen drängt es nach Hause. Sie kommen vom Arbeiten, vom Einkaufen und nicht wenige natürlich auch vom Beten. An der Straßenbahnhaltestelle "Ammunition Hill", ganz nah an der unsichtbaren Schnittstelle zwischen dem jüdischen West- und dem arabischen Ostteil der Stadt, steht eine Menschentraube und wartet auf die Einfahrt des Zuges. So zeigen es die Bilder einer Überwachungskamera, die am Morgen danach veröffentlicht werden. Sie zeigen die wartenden Fahrgäste, die Gleise, den dichten Verkehr auf der Straße daneben. Und sie zeigen ein Auto, das plötzlich ruckartig von der Straße abbiegt und mitten hineinrast in die Menge.

Auf dem Bahnsteig steht an diesem warmen, schrecklichen Mittwochabend auch eine junge Familie mit Kinderwagen. Sie werden als Erste getroffen. Zehn, zwanzig Meter weit fliegt das Baby durch die Luft. Im Krankenhaus gibt es keine Rettung mehr. Drei Monate nur wurde die kleine Haya alt. Acht weitere Menschen werden verletzt - und in einer Stadt wie Jerusalem ist schnell klar, dass dies kein Unfall sein kann. Es ist ein Anschlag. Der Fahrer des Amok-Autos rammt am Ende noch einen Pfeiler, zu Fuß versucht er zu fliehen und wird von der Polizei erschossen. 20 Jahre war er alt, ein Palästinenser aus dem Stadtteil Silwan, erst im Februar war er aus dem Gefängnis freigekommen. Jerusalem steht unter Schock.

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"Kinder-Intifada" wird der Aufstand der Jerusalemer Jugendlichen genannt

Es ist ein Terror ohne Bomben, ein Kampf ohne schwere Waffen - und niemand kann sich dagegen schützen. Doch es kann auch keiner sagen, dass diese Tat aus dem Nichts heraus geschehen ist. Seit dem Sommer schon kommt Jerusalem, wo 550 000 jüdische Israelis und knapp 300 000 Araber leben, nicht mehr zur Ruhe. Täglich fliegen Steine, Molotowcocktails, Feuerwerkskörper. Es ist ein schleichender Aufstand der arabischen Jugendlichen, der durch diesen Anschlag ins grelle Licht gerückt wird. "Jerusalem-Intifida" wird er nun schon genannt, manchmal auch "Kinder-Intifada" - oder auch "Straßenbahn-Intifada", weil die Straßenbahn tatsächlich im Zentrum dieses Kampfes steht. Ausgerechnet die Straßenbahn.

Als sie vor drei Jahren ihren Betrieb aufnahm, sollte sie zum Symbol werden für das Zusammenwachsen der Stadt - eine Linie für beide Seiten, Juden wie Palästinenser. Die Panorama-Fenster bieten spektakuläre Ausblicke: auf die Häuserfronten mit dem hellen Jerusalem-Stein, der im Sonnenlicht magisch leuchtet; auf die Mauern der Altstadt mit ihren Zinnen und Toren; auf den hochheiligen Irrsinn an allen Ecken. Doch in manchen Gegenden von Jerusalem sollte man in diesen Tagen besser nicht an den Fenstern sitzen - eben wegen der Steine, die selbst die extradicken Scheiben vieler Züge mit hässlichen Rissen überzogen haben. Mehr als 150 Waggons mussten in den vergangenen Monaten bereits aus dem Verkehr gezogen und repariert werden, Wartehäuschen sind verwüstet, Ticketautomaten zerstört worden.

Neues Symbol für alten Streit

Die Straßenbahn also ist kein Symbol geworden für eine neue Zeit, sondern nur ein neues Zeichen für den alten Streit, für die alte Zerrissenheit. Für viele arabische Bewohner ist sie schlicht ein Instrument des Besatzungsregimes geworden, weil die Züge den Westteil mit der jüdischen Siedlung Pisgat Ze'ev im Osten verbinden - und leicht zu treffen sind, wenn sie dabei durch die arabischen Viertel fahren.

Eine Fahrt mit der Straßenbahn quer durch Jerusalem ist also eine Fahrt durch ein Minenfeld. 23 Haltestellen, 45 Minuten Fahrtzeit: Auf den Gleisen kann man dabei den Puls der Stadt fühlen, und rechts und links liegen die Stationen ihres Leidensweges. Die "Linie 1", die auch die einzige Linie ist, startet auf dem Herzlberg, hoch oben über dem urbanen Dickicht. Es ist dies ein Ort der komprimierten israelischen Selbstvergewisserung: Der Zionismus-Begründer Theodor Herzl liegt hier begraben, dazu die Helden der Politik und der Kriege, die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem ist auch nicht weit. Hier steigen Schulkinder in die Straßenbahn ein, einige Touristen, ältere Damen mit Einkaufswagen und zwei schwatzende Männer, deren Stimmen zu laut und deren Hemden zu weit aufgeknöpft sind.