Anschlag in Straßburg "Er wollte Rache an der Gesellschaft"

Der Pariser Soziologe Farhad Khosrokhavar glaubt nicht an ein islamistisches Motiv des Attentäters vom Weihnachtsmarkt. Für ihn ist Chérif Chekatt ein Krimineller, der religiöse Motive benutzt hat, um Angst zu verbreiten.

Interview von Philipp Saul

Der mutmaßliche Attentäter vom Straßburger Weihnachtsmarkt, Chérif Chekatt, stand in Frankreich auf der "Fiche S"-Liste für radikalisierte, möglicherweise staatsgefährdende Personen. Am Donnerstagabend endete die Suche nach Chekatt. Die Polizei erschoss den vorbestraften Franzosen bei einer Großrazzia im Viertel Neudorf südöstlich des Straßburger Zentrums. Er hatte zuvor auf Einsatzkräfte gefeuert.

Inzwischen reklamiert der sogenannte "Islamische Staat" den Angriff auf den Straßburger Weihnachtsmarkt mit drei Toten und mehreren Verletzten für sich. Nicht nur deshalb vermuten die Behörden ein islamistisches Motiv. Der französisch-iranische Soziologe und Radikalismusforscher Farhad Khosrokhavar zweifelt daran. Er glaubt, dass Chérif Chekatt den Islam benutzt hat, um die Menschen zu verängstigen.

SZ: Der französische Innenminister sagt, Chérif Chekatt habe sich im Gefängnis radikalisiert. Wie geht das?

Farhad Khosrokhavar: Ich glaube das nicht. Er hat zwar auf andere Häftlinge eingewirkt, den Islam zu praktizieren, aber im Gefängnis funktioniert das anders. Die Gefangenen zeigen die Radikalisierung nicht. Wenn sie sie sichtbar machen, muss ihnen klar sein, dass der Geheimdienst auf sie aufmerksam wird. Der Radikalisierungsprozess ist gut erforscht. Normalerweise beginnt er damit, dass die Insassen anfangen, den Koran zu lesen. Dann wählen sie nur die Suren aus, die extremistisch sind. Die anderen ignorieren sie. In kleinen Gruppen tauschen sie sich darüber aus.

Interview am Morgen

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Warum gehen die Behörden von einer islamistischen Radikalisierung aus?

Islamischer Fundamentalismus und die Radikalisierung zum Dschihadisten sind zwei verschiedene Dinge. Die Sicherheitsbehörden glauben aus ihrem säkularen Blickwinkel heraus, dass man automatisch beginnt, sich zum Dschihadisten zu radikalisieren, wenn man ein Fundamentalist ist. Das ist empirisch nicht bewiesen.

Gab es bei Chekatt keine Radikalisierung zum Dschihadisten?

In Deutschland hat Chekatt lange in Haft gesessen, aber die Behörden haben bei ihm kein Anzeichen von Radikalisierung im Namen des Islam gesehen. Er war für 27 Straftaten bekannt, wie etwa bewaffnete Raubüberfälle, der Islam spielte dabei nie eine Rolle. Er ist auch nie in ein anderes Land gegangen, um von Dschihadisten ideologisch geschult zu werden. Viele Attentäter, die ernsthaft radikalisiert waren, sind zuvor nach Syrien, Pakistan, Afghanistan, Mali oder Jemen gereist.

Aber er hat bei seinem Angriff angeblich "Allahu Akbar" gerufen.

In Europa gibt es viele Fälle wie diesen. Menschen geben fälschlicherweise vor, Dschihadisten zu sein, und töten dann. Die Täter behaupten oft, sie seien eine Art Glaubensritter in der sehr säkularen westeuropäischen Gesellschaft. Aber der religiöse Faktor ist nicht wichtig. Sie benutzen den Islam, weil sie wissen, dass "Allahu Akbar" die Menschen noch mehr verängstigt. Das nutzt auch die islamistische IS-Propaganda gerne für sich aus. Chekatt wird durch die Vereinnahmung des Islam zum negativen Helden. Er wird berühmt und überall auf der Welt spricht man über ihn.

Radikalismusforscher Farhad Khosrokhavar auf einem Archivbild.

(Foto: AFP)

Wenn die Behörden die Tat dann als islamistisch motiviert bezeichnen, spielen sie den Tätern in die Hände?

Die Art, wie europäische Gesellschaften mit solchen Menschen umgehen und sich Angst machen lassen, gibt den Tätern, die den Islam für sich vereinnahmen wollen, in gewisser Weise eine zusätzliche Legitimation und das ist gefährlich.

Wenn nicht aus islamistischen Motiven, warum sonst hat Chérif Chekatt auf dem Weihnachtsmarkt in Straßburg geschossen?

Er wurde von den Behörden wegen vieler krimineller Aktivitäten verfolgt. Vier oder fünf seiner Freunde wurden verhaftet. Er war deprimiert und verzweifelt. Chekatt sollte zum wiederholen Mal ins Gefängnis kommen. Er wollte Rache an der Gesellschaft üben und Menschen töten.

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