Straßburg "Es wurde alles dicht gemacht"

Das abgeriegelte EU-Parlament in Straßburg am späten Dienstagabend

(Foto: AFP)

Nach den Schüssen beim Weihnachtsmarkt durfte niemand das Europaparlament verlassen. Ein Politiker und ein NGO-Vertreter berichten von der Nacht in Straßburg.

Von Philipp Saul

Der Deutsche Julian Pahlke war schon auf dem Weg in sein Hotel in der Innenstadt, als er zurückgerufen wurde. Auf dem bekannten Straßburger Weihnachtsmarkt hatte ein Mann am Abend um sich geschossen. Der Angreifer tötete mindestens zwei Menschen und verletzte viele weitere.

Das Vorstandsmitglied der Nichtregierungsorganisation "Jugend rettet" war nach Straßburg gereist, weil die Seenotrettungsorganisation für den Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments nominiert wurde. Doch dieser Dienstag wurde für Pahlke weniger erfreulich. Ohne konkrete Informationen wurden er und seine Begleiter zurück zum Parlament eskortiert. Und dieses wurde für Stunden komplett abgesperrt. Im Gebäude hätten sich daraufhin alle sicher gefühlt, berichtet der NGO-Vertreter. Alles sei "relativ ruhig" abgelaufen.

"Im Parlament wurde sehr schnell reagiert und alles dicht gemacht", erzählt auch der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok. "Meine erste Reaktion war Erleichterung", berichtet er über die Minuten nach Bekanntwerden der Schüsse. Seine Frau habe ursprünglich mit Freundinnen an diesem Abend den Weihnachtsmarkt in Straßburg besuchen wollen. Ein paar Wochen vorher hätten sie sich aber dagegen entschieden und seien zum Weihnachtsmarkt in Münster gefahren. "Deshalb habe ich zuerst aufgeatmet, so schlimm es auch ist."

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Der Schütze vom Straßburger Weihnachtsmarkt ist noch immer auf der Flucht. Andere Personen wurden festgenommen - sie sollen Kontakt zu ihm gehabt haben.

Um seine eigene Sicherheit sei er nicht besorgt gewesen, erzählt Brok. Für die Opfer hielten die Abgeordneten eine Schweigeminute ab. Unter den Parlamentariern habe eine "gedrückte Stimmung" geherrscht. "Es war plötzlich Zeit da. Erzwungene Zeit, die dann auch manches Gespräch ermöglicht hat, das man sonst nicht geführt hätte." Parteiübergreifend hätten die Leute dann zusammengesessen und "über die Situation und über Gott und die Welt geredet".

Brok hat schon mal eine ähnliche Situation erlebt. Bei den Brüsseler Attentaten im Jahr 2016 leitete er gerade die Sitzung des Auswärtigen Ausschusses, als er vom Bahnhof die Explosion hörte. Seine Reaktion: ein Adrenalinstoß. "Dann taucht keine Angst auf. Am Morgen danach habe ich mich mauer gefühlt als in der Nacht."

Sollen Abgeordnete bevorzugt werden?

Ein mulmiges Gefühl habe sich aber eingestellt, berichtet Brok, als nachts um zwei Uhr verkündet wurde, man könne das Gebäude auf eigene Gefahr verlassen. "Ich schlief in der Nähe des Parlaments in einem Hotel und da bin ich ohne jeden Schutz hingefahren. Wenn man dann aus dem Auto ins Hotel geht, schaut man sich schon nochmal um."

Im Parlament gab es offenbar noch Diskussionen, ob vorerst nur die Abgeordneten und nicht alle Anwesenden das Gebäude verlassen dürften, um nach Hause eskortiert zu werden. "Es wurde hitzig", sagt der NGO-Vorsitzende Pahlke, der die Debatte um eine Bevorzugung der Parlamentarier nicht weiter kommentieren will. "Aber wir haben die Solidarität von den Abgeordneten bekommen, die wir uns in Europa wünschen. Sie haben gefordert, dass alle zusammen das Gebäude verlassen."

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