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Anschlag in Straßburg:Zerstörte Weihnachtsidylle

Die Innenstadt Straßburgs ist normalerweise zu dieser Zeit besonders heimelig, der Weihnachtsmarkt einer der beliebtesten in Europa. Nach dem Anschlag vom Dienstagabend mit mindestens zwei Toten ist das erst mal vorbei.

Vor einem Hutladen stapeln sich Kartons mit Pelzkappen, ein Produzent von Gänsestopfleber beliefert einen Feinkostladen - in der Innenstadt von Straßburg erinnert an diesem Mittwochmorgen auf den ersten Blick nichts an den Anschlag am Vorabend. Die Buden auf dem Weihnachtsmarkt sind geschlossen. Das sind sie um diese Zeit immer, der Weihnachtsmarkt hat morgens nicht geöffnet.

Heute aber wird er ganz geschlossen bleiben, nachdem am Dienstagabend ein Schütze zwei Menschen tötete und etwa ein Dutzend verletzte. Eine Person ist hirntot, acht weitere sind schwer verletzt. Das hat der Bürgermeister von Straßburg, Roland Ries, noch in der Nacht angekündigt. Der mutmaßliche Täter, ein 29-jähriger Mann aus Straßburg, ist nach wie vor auf der Flucht, die Polizei sucht ihn mit 350 Einsatzkräften, auch Hubschrauber und Kräfte der Operation Sentinelle sind im Einsatz, jener Militärtruppe, die seit den Anschlägen 2015 besonders sensible Orte schützen soll.

"Heute ist ein Tag der Trauer", sagt Straßburgs Bürgermeister Ries am Mittwoch. Die Stadt werde sich aber nicht einschüchtern lassen. Die Sicherheitsmaßnahmen sind gewaltig: "Die Grenze ist im Prinzip geschlossen", sagt Ries. Es sei dennoch möglich, dass der Tatverdächtige nach Deutschland gelangt sei - wenn er ein Auto habe. Nach Informationen des Senders France Info entkam der Angreifer mit einem gestohlenen Taxi. Er soll vor seiner Flucht von Soldaten verletzt worden sein.

Von all dem merkt man am Morgen in Straßburg kaum etwas. Nachdem die Altstadt bis in die frühen Morgenstunden hinein abgeriegelt war, kann jetzt wieder jeder die große Insel betreten, auf der sich der Stadtkern befindet. Weil der Weihnachtsmarkt schon vor dem Dienstag als potenzielles Anschlagsziel galt, wurde der Zugang zur Insel während der Öffnungszeiten des Weihnachtsmarkts besonders gesichert: Autos durften nur mit besonderer Genehmigung auf die Insel, Passanten mussten ihre Taschen öffnen, Touristen auch ihre Koffer.

Weihnachtsdeko und Einweghandschuhe

An diesem Morgen aber ist nur der eigentliche Tatort für Passanten gesperrt: Ein Gässchen mitten in der Altstadt, zu schmal für Autos oder Glühweinbuden. Der Weihnachtsmarkt von Straßburg, einer der beliebtesten Märkte Europas, ist nicht auf einen großen Platz zentriert, sondern eine Ansammlung von kleineren Märkten, die sich über die ganze Innenstadt verteilen.

Bei dem Täter soll es sich um einen französischen Staatsbürger mit nordafrikanischen Wurzeln handeln. Das berichtet die Deutsche Presse-Agentur. Der Mann soll bereits mehrfach vorbestraft sein und wurde von den Sicherheitsbehörden als potenzieller Gefährder eingestuft. Am Dienstagmorgen vor dem Anschlag sollen Polizisten die Wohnung des Mannes durchsucht haben - laut der Agentur AFP im Zuge von Ermittlungen wegen eines Mordversuchs. In seiner Unterkunft sollen Granaten gefunden worden sein. Der Schütze sei seit "mehreren Jahren" radikalisiert gewesen, sagte der französische Innenminister Christophe Castaner.

In der Rue des Orfèvres - der Goldschmiedgass -, wo der Täter um sich schoss, liegen noch die Decken auf dem Boden, mit denen Mitarbeiter der umliegenden Geschäfte den Opfern zu helfen versuchten, es ist klirrend kalt in Straßburg, auch an diesem Morgen. Dort, wo ein schwer bewaffneter Polizist den Zugang zu der Gasse bewacht, liegen Einweghandschuhe und ein leerer Infusionsbeutel auf dem Boden.

Die Rue des Orfèvres ist zur Weihnachtszeit auch darum besonders beliebt bei Besuchern, weil die anliegenden Geschäfte die Simse über ihren Schaufenstern besonders aufwändig geschmückt haben, mit Plüschtieren und Weihnachtsdeko. Vor allem am Abend, wenn die Stadt weihnachtlich beleuchtet ist, bleiben viele Touristen genau dort stehen, um ein Foto zu machen. Diese Idylle hat der Täter von Straßburg am Dienstagabend zerstört. Es wird sich zeigen, ob Straßburg bald wieder zur Ruhe findet.

© SZ.de/fued/rus/cat
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Nach Erkenntnissen von Polizei und Justiz wurde der mutmaßliche Täter mehrfach wegen schweren Diebstahls verurteilt. Am Morgen des Attentats hätte der 29-jährige Franzose festgenommen werden sollen.

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