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Strafrecht:Mörderisch kompliziert

Fast wie im Fernsehen: Mitarbeiter der Spurensicherung suchen Hinweise, um Täter ausfindig zu machen - Mörder wie Totschläger gleichermaßen.

(Foto: imago)

Deutsche definieren Tötungsdelikte ganz anders als Portugiesen und Franzosen. Das zeigt der Bericht einer Expertenkommission. Jetzt soll eine Reform her.

Kürzlich hat eine vom Bundesjustizministerium eingesetzte Expertenkommission ihre Vorschläge zur Änderung des Mordparagrafen vorgelegt. Wahr-scheinlich wird keine grundstürzende Re-form daraus, es dürfte eher auf ein paar Korrekturen hinauslaufen. Wer sich als Krimikonsument beim Thema Mord auf sicherem Terrain glaubt, kommt aber bei der Lektüre des 900-Seiten-Berichts womöglich doch ein wenig ins Schleudern. Mord, was ist das überhaupt? Und könnte das Urverbrechen der Menschheit eigentlich auch ganz anders geregelt sein?

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Mord soll nicht mehr zwingend mit lebenslanger Haft bestraft werden

Die Gesetze zu Mord und Totschlag werden seit Jahrzehnten kritisiert. Jetzt hat eine Expertenkommission ihre Reformvorschläge vorgestellt. Bei Mordfällen sollen Richter künftig mehr Spielraum haben.

Schon im deutschen Recht ist Mord nicht unbedingt das, was die Intuition des Laien nahelegt. Die vorsätzliche, absichtliche, selbst die geplante Tötung eines Menschen ist erst einmal nur ein Totschlag. Für einen Mord muss etwas hinzukommen, das die Tat noch verwerflicher oder gefährlicher macht.

"Mörder ist, wer aus Mordlust, zur Befriedigung des Geschlechtstriebs, aus Habgier oder sonst aus niedrigen Beweggründen, heimtückisch oder grausam oder mit gemeingefährlichen Mitteln oder um eine andere Straftat zu ermöglichen oder zu verdecken, einen Menschen tötet", heißt es in Paragraf 211 des Strafgesetzbuchs (StGB). Ein regelrechtes Panoptikum also. Rachsucht und Rassismus, Brutalität und Geldgier, der blinde Vernichtungswille des Täters: Solche Dinge machen den Totschlag zum Mord.

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Mord als qualifizierte Tötung

Schaut man in die Strafgesetze anderer Länder, findet man zunächst einmal viele Ähnlichkeiten, wie eine Studie von Hans-Georg Koch vom Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches und internationales Strafrecht zeigt. Auch Portugal kennt Grausamkeit und Habgier, Mordlust und Befriedigung des Geschlechtstriebs als Voraussetzungen einer "qualifizierten Tötung", wie der Mord dort heißt.

Das Gesetz der Spanier enthält die Heimtücke, jenes der Italiener die niedrigen Beweggründe und die Verdeckung einer Straftat. Eine interessante Parallele besteht zur Türkei: Dort gelten "Blutrache" und der "Ehrenmord" als besonders verwerflich, die Täter werden wegen Mordes bestraft. Die deutschen Gerichte sehen das ebenso, sie stufen solche Taten üblicherweise als Mord aus "niedrigen Beweggründen" ein.

Es gibt aber auch markante Besonderheiten. Russlands Strafgesetz etwa nennt den Auftragsmord, ebenso die Tötung im Zusammenhang mit Raub, Erpressung und Bandentum - das mag auf die Morde der Mafia gemünzt sein. Im romanischen Rechtskreis wird die Familie hochgehalten, in Frankreich, Italien, Portugal und Belgien gilt die Tötung eines Verwandten als besonders strafwürdig. Einige Länder stellen sogar bestimmte Amtsträger unter besonderen Schutz: In Frankreich einen Justizangehörigen oder Polizisten zu töten, ist "meurtre" - darauf steht lebenslange Haft.

Kühl kalkuliert

Und die "geplante" Tat? Sie macht tatsächlich in einer ganzen Reihe von Gesetzen aus der Tötung einen Mord, beispielsweise in der Türkei, aber auch in Rumänien ("mit Absicht") und in Portugal ("kaltblütig"). Am häufigsten kommt die Formulierung "mit Vorbedacht" vor, sie findet sich in Finnland, Frankreich, Italien, Tschechien und Luxemburg. Auch in Großbritannien und in den Gesetzen vieler US-Bundesstaaten macht die Absicht die Tat zum besonders schweren Verbrechen: Bei "intentional killing" spricht man etwa in Pennsylvania von einem Mord im ersten Grad ("murder in the first degree").

Der kühl kalkulierende Täter, das ist daraus zu schließen, gilt als besonders gefährlich, für ihn ist eine besonders harte Strafe vorgesehen. Im Umkehrschluss heißt das: Milder bestraft wird, wer in einer "allgemein begreiflichen heftigen Gemütsbewegung" (Österreich) oder dem Einfluss einer "nachvollziehbaren starken Emotion" (Portugal) tötet. Wurzeln hat dieses "Überlegungsprinzip" übrigens auch im deutschen Recht; dass viele Menschen bis heute den Mord mit "Planung" in Verbindung bringen, mag dort seine Ursache haben.