Strache-Video Griff nach der Kronen-Zeitung

"Wenn du die Krone hast, hast du die Meinungshoheit", sagt Heinz-Christian Strache 2017 auf Ibiza über die Krone. Die auflagenstärkste Zeitung Österreichs ist bislang überparteilich - der FPÖ-Chef spricht in dem heimlich aufgenommenen Video davon, wie es wäre, das Blatt auf Linie zu bringen.

(Foto: SZ)

Wie man das österreichische Boulevardblatt zum Machtinstrument der FPÖ formen könnte, ist eines der zentralen Themen des heimlich gefilmten Videos. Strache offenbart Erstaunliches und Erschreckendes.

Von Leila Al-Serori, Oliver Das Gupta, Peter Münch, Frederik Obermaier und Bastian Obermayer

Österreichs Kronen-Zeitung zählt zu den bunten Blättern, und gern werden dort die Geschichten in grellen Farben gezeichnet. Doch wenn es nach dem Rechtspopulisten Heinz-Christian Strache geht, dann soll die Krone, wie sie überall genannt wird, wohl am besten nur noch eine Farbe zeigen: blau.

Das ist die Farbe seiner Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ) - und wie man die Zeitung komplett zum Machtinstrument der FPÖ machen könnte, ist eines der zentralen Themen des mehr als sechsstündigen und heimlich gefilmten Gesprächs, das Strache unterstützt von seinem Parteifreund Johann Gudenus Ende Juli 2017 auf Ibiza mit einer angeblichen russischen Investorin führt. Die ist in Wirklichkeit zwar nur ein Lockvogel in unbekanntem Auftrag. Aber sie entlockt ihm Erstaunliches und Erschreckendes.

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Die Planspiele zur Übernahme der Kronen-Zeitung sind demnach offenbar bereits in den Vorgesprächen entworfen worden, die Gudenus, damals Vizebürgermeister von Wien und heute FPÖ-Fraktionschef im Nationalrat, schon seit Monaten mit der vermeintlichen Oligarchen-Nichte und ihrem Mittelsmann geführt hat.

"Wie wir uns das erste Mal getroffen haben und ich gemerkt hab, dass sie allgemein Interesse hat, in Österreich zu investieren, hab ich gesagt (...): Kronen-Zeitung wär interessant", prahlt er gegenüber seinem politischen Ziehvater Strache. Seine Idee: "Die Kronen-Zeitung wär für uns alle gut, für sie geschäftlich, für uns politisch."

Strache ist begeistert von dieser "Weltklasse-Geschichte"

Strache lässt nun auf Ibiza in einer Art rhetorischen Endlosschleife nichts unversucht, der Russin, die angeblich ein paar hundert Millionen Euro zur Verfügung hat, diesen Kauf schmackhaft zu machen. Er umschmeichelt sie, sagt, sie wäre die gewiss "schönste Medienbesitzerin" Österreichs.

Er verheißt finanziellen Ertrag: "Du bringst die Hütte von 15 Millionen auf 35 Millionen Jahresgewinn." Und vor allem verspricht er ihr Macht und Einfluss, der auf allen Ebenen zu nutzen sei: Die angeblich reiche Russin spielte mit "bei den zehn mächtigsten Menschen Österreichs", sagt er. "Dahinter steckt ja das wirtschaftspolitische Ziel, Einfluss zu haben und andere Geschäfte zu machen."

Was das für andere Geschäfte sind, sagt er auch sehr deutlich: Immobilien vor allem. "Wenn sie die Krone kauft, hat sie ein Imperium. Das muss ihr klar sein. Wenn sie ein Grundstück will, das die Stadt Wien hat, sagt der Bürgermeister: okay, bam bam bam. So rennt das."

Was er für sich erhofft, ist offenkundig ein Geschäft auf Gegenseitigkeit: "Wenn sie die Kronen-Zeitung übernimmt drei Wochen vor der Wahl und uns zum Platz eins bringt, dann können wir über alles reden," verspricht er.

Dass Strache sich so begeistert zeigt von dieser "Weltklasse-Geschichte", liegt an der herausgehobenen Stellung, die die Kronen-Zeitung in Österreich einnimmt. Als das 1959 von Hans Dichand gegründete Blatt vor wenigen Wochen mit Glanz und Glorie seinen 60. Geburtstag feierte, zählten zu den lobpreisenden Gratulanten natürlich auch Kanzler Sebastian Kurz und der heutiger Vizekanzler Strache. Denn mit der Krone will es sich niemand verscherzen, gegen die Krone, so heißt es in Österreich, kann niemand regieren.

Schließlich erreicht die Zeitung an jedem Tag der Woche zwei Millionen Leser, am Sonntag gar 2,5 Millionen. Bei 8,7 Millionen Einwohnern in Österreich ist das eine Reichweite von etwa 30 Prozent. Mit 700 000 Exemplaren täglich verkauft die Krone mehr als die fünf nächsten österreichischen Tageszeitungen zusammen.

Doch die Kronen-Zeitung ist offenbar nur ein Baustein in Straches Vorstellungen von Österreichs künftiger Medienwelt. Er will mehr. "Wir wollen eine Medienlandschaft ähnlich wie der Orbán aufbauen", sagt er auf Ibiza.

Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán hat die Medien in seinem Land bereits weitgehend unter Kontrolle gebracht. Der staatliche Rundfunk ist auf Regierungslinie, viele private Medien wurden von Gefolgsleuten aufgekauft. Mitgespielt hat dabei auch ein Österreicher, den Strache der Russin gegenüber als Freund und Unterstützer preist: Heinrich Pecina. "Pecina ist ein Investor, der hat dem Orban alle ungarischen Medien der letzten 15 Jahre aufgekauft und für ihn aufbereitet", erklärt Strache.

Pecina, Gründer des Investmenthauses Vienna Capital Partners (VCP), ist eine durchaus schillernde Figur. Stets elegant tritt er auf, er lebt auf einem herrschaftlichen Anwesen in Niederösterreich und macht seine Geschäfte vornehmlich in Ost- und Südosteuropa. In den Panama Papers ist er aufgetaucht, und in einem Untreue-Prozess rund um die Kärntner Landesbank Hypo Alpe Adria wurde er im Sommer 2017 zu 22 Monaten Haft auf Bewährung und einer Geldstrafe von 288.000 Euro verurteilt. Er war geständig und hatte zuvor schon knapp drei Millionen Euro Schadensersatz gezahlt.

Dieser Heinrich Pecina also ist ein Mann mit vielen Geschäftsfeldern und Kontakten - und besonders eng scheint er tatsächlich mit Straches Vorbild Viktor Orban zu sein. Als Ungarns Premier kurz nach Bildung der neuen österreichischen Regierung aus ÖVP und FPÖ im Januar 2018 nach Wien kam, traf er als Erstes Pecina - und danach dann Kanzler Sebastian Kurz und Strache.

2014 war Pecina in den ungarischen Medienmarkt eingestiegen und schnell zum größten Verleger des Landes aufgestiegen. Orbans Regierung durfte sich dann darüber freuen, dass Pecina die wichtigste Oppositionszeitung Nepszabadsag 2016 einstellte und seinen Verlag Mediaworks mit zahlreichen Regionalzeitungen an Orbans Jugendfreund Lörinc Meszaros verkaufte.

Diese Regionalzeitungen hatte Pecina zuvor der deutschen Funke Mediengruppe abgekauft. Auf Ibiza bringt Strache nun Pecina ins Spiel für den österreichischen Medien-Deal, der hier unter Spaniens Sonne vorangetrieben werden soll.

Die Eigentumsverhältnisse bei der Kronen-Zeitung sind nämlich höchst kompliziert. 50 Prozent gehören noch der Gründerfamilie Dichand, aufgeteilt auf die drei Kinder und die Witwe des 2010 verstorbenen Hans Dichand. Die anderen 50 Prozent wurden 1987 von der deutschen Funke Mediengruppe erworben, die damals noch als Zeitungsgruppe WAZ firmierte. Die vermeintliche russische Investorin gibt an, Zugriff auf die Dichand-Anteile zu haben. Strache verspricht, den Kontakt zur anderen Hälfte beizubringen - über Pecina. "Der hat bei der Funke-Gruppe die Kontrolle drauf", behauptet er. "Dann hast du alles, dann habt ihr alles."

Ganz schnell soll das gehen, schon in den nächsten Wochen, aber erst nach der Wahl im Oktober offiziell bekannt werden. Auf Anfrage von SZ und Spiegel erklärte Pecina dazu, er habe weder heute noch in der Vergangenheit eine Möglichkeit gehabt. "die Kronen-Zeitung in welcher Weise auch immer zu kontrollieren oder zu beeinflussen".

Auf SZ-Anfrage, ob es zwischen 2014 und 2019 eine Zusammenarbeit mit Pecina hinsichtlich der Krone gegeben habe, antwortete die Funke Mediengruppe mit einem einzigen Satz: "Es gibt keine Zusammenarbeit zwischen der Funke Mediengruppe und Herrn Pecina." Ob es zum Zeitpunkt von Straches Ibiza-Treffen eine solche Kooperation gegeben hat, bleibt damit offen.

Strache jedenfalls wirkt auf den Ibiza-Videos euphorisiert von den Möglichkeiten, die sich da auftun. Das würde einen Effekt geben, den der politische Gegner "nicht riechen" könne, meint er. "Schau, wenn das Medium in zwei, drei Wochen vor der Wahl, wenn dieses Medium auf einmal uns pusht, dann hast du recht, dann machen wir nicht 27, dann machen wir 34" Prozent.

Heinz-Christian Strache Das sind die Schlüsselszenen Video
Strache-Video

Das sind die Schlüsselszenen

Beim stundenlangen Treffen einer vermeintlichen russischen Oligarchen-Nichte mit den FPÖ-Politikern Gudenus und Strache werden dubiose Deals besprochen.

Obendrein verspricht er dann auch gleich noch, binnen zwei oder drei Wochen ein "Medienkonzept" für die Kronen-Zeitung zu liefern. "Zack, zack, zack. Drei, vier Leute, die müssen wir pushen. Drei, vier Leute, die müssen abserviert werden. Und wir holen gleich mal fünf Neue herein, die wir aufbauen", sagt er dazu an anderer Stelle.

Doch nicht nur die Krone bringt Strache beim Gespräch mit der vermeintlichen russischen Investorin ins Spiel. Er stellt ihr noch weitere Medienmacht in Aussicht. Die Kronen-Zeitung sei "der bestimmende Faktor am Zeitungsmarkt", erklärt er, "und wenn du darüber hinaus einen TV-Sender noch lukrierst, bestimmst du alles", wirbt er.

Strache spricht schon 2017 davon, "den ORF vollig auf neue Beine zu stellen"

Bald darauf schlägt er den Bogen zum ORF, der nach dem Erwerb der Krone "der einzige Konkurrent" sei - und verspricht dann: "Würden wir in einer Regierungsbeteiligung sein, würden wir uns sogar vorstellen können, einen Sender zu privatisieren.... Wir könnten uns vorstellen, den ORF völlig auf neue Beine zu stellen."

Aus all den Fantasien rund um die Übernahme der Kronen-Zeitung ist dann am Ende nichts geworden. Die reiche Russin war ja nur ein Bluff, und in der wirklichen Welt hat sich der Tiroler Immobilieninvestor René Benko im November 2018 mit der Hälfte der Funke-Anteile bei der Krone eingekauft - und damit einen heftigen Machtkampf entfesselt mit der Familie Dichand, die offenbar eine feindliche Übernahme befürchtet.

Beim öffentlich-rechtlichen ORF wächst indes die Unsicherheit wegen eines neuen ORF-Gesetzes, an dem seit der FPÖ-Regierungsbeteiligung in Wien gearbeitet wird. Strache und seine Parteifreunde begleiten das mit heftigem Getöse, greifen einzelne Journalisten an wie den ZiB-2-Moderator Armin Wolf oder fordern ein Ende der "Zwangsgebühren", also der TV-Gebühren, mit denen der ORF sich finanziert.

Den Kampf mit den Medien verlagert die FPÖ auf immer neue Schlachtfelder. Nur mit der Kronen-Zeitung darf Strache eigentlich sehr zufrieden sein. Hautnah und empathisch durfte sie auch dabei sein, als der Vizekanzler unlängst nach der Geburt eines Sohnes einen viel beschriebenen "Papa-Monat" einlegte. Es gilt halt nach wie vor, was Strache dort auf Ibiza verkündet hat: "Wenn du die Krone hast, hast du die Meinungshoheit."

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