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Ibiza-Affäre:Es scheint, er war's doch selbst

Heinz-Christian Strache

Heinz-Christian Strache war langjähriger FPÖ-Chef und österreichischer Vizekanzler. Nach Bekanntwerden des Ibiza-Videos im Mai trat er von allen Ämtern zurück.

(Foto: Helmut Fohringer/dpa)
  • Nach Veröffentlichung des Ibiza-Videos versuchte sich Ex-FPÖ-Chef Strache mit Drogenvorwürfen an die Gastgeber zu verteidigen.
  • Man habe ihm mutmaßlich K.-o.-Tropfen oder toxische Substanzen verabreicht.
  • Zwei renommierte Experten widersprechen jetzt in einem Gutachten dieser Einschätzung.

War er es - oder war er es doch nicht? Obwohl der Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache im Mai selbst bestätigt hat, im Sommer 2017 eine vermeintliche Oligarchennichte getroffen zu haben und obwohl ihn ein Gutachter zweifelsfrei auf dem sogenannten Ibiza-Video identizifiert hat, ist diese Frage in Österreich gerade virulent. Strache selbst bringt sie in Interviews auf. Wenn er sich auf dem Video so sehe, dann stehe für ihn fest: "Das bin nicht ich." Und auch seine Frau Philippa sekundiert: "Das war nicht mein Mann."

Natürlich bestreiten die Straches nicht im Ernst, dass der FPÖ-Politiker in der Ibiza-Villa mit der angeblichen Oligarchennichte verhandelt hat. Sie wollen vielmehr ausdrücken, Strache sei nicht im Besitz seiner Sinne gewesen: Man habe ihm mutmaßlich K.-o.-Tropfen oder toxische Substanzen beigebracht, die ihn zu einem anderen gemacht hätten. Folgt man ihrer Logik, hat dieser andere Strache - der betäubte und vernebelte - dann der angeblichen Russin Staatsaufträge gegen Wahlkampfhilfe angeboten, Journalisten als "Huren" beschimpft und von einem illegalen Parteispendensystem erzählt.

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Experten sehen keine Anzeichen für K.-o.-Tropfen

Diese Version hatte als Erster Straches ehemaliger Vertrauter Johann Gudenus ins Spiel gebracht. Gudenus, der ja ebenfalls in dem in der Ibiza-Villa heimlich aufgenommenen Video eine tragende Rolle spielte, hatte im August behauptet, ein Gutachten eines "kriminaltechnischen Privatinstituts" lege dies nahe - auf Anfrage wollte er es jedoch nicht übersenden.

Jetzt gibt es aber ein Gegengutachten, verfasst von zwei der renommiertesten Experten im deutschsprachigen Raum: dem Berliner Professor Michael Tsokos, Leiter des Instituts für Rechtsmedizin an der Berliner Charité, sowie seinem Kollegen Sven Hartwig, dem Leiter der Charité-Abteilung Forensische Toxikologie. Die beiden prüften im Auftrag eines der Männer, die von Strache implizit des Beibringens jener Substanzen beschuldigt werden, das öffentlich verfügbare, sechs Minuten lange Ibiza-Video. Ihr Ergebnis ist eindeutig: Es gebe keine sichtbaren Anzeichen für die Verabreichung sogenannter K.-o.-Mittel.

Strache und Gudenus zeigen keine Ausfallerscheinungen

Das Gutachten, das der Süddeutschen Zeitung und dem Spiegel vorliegt, besagt, sowohl die Körpersprache als auch das Gesprächsverhalten von Strache und Gudenus seien unauffällig, es seien keine Ausfallerscheinungen zu beobachten. Ihre Gesten seien "inhaltsbezogen und nicht übertrieben", Wortwahl als auch Grammatik seien sogar "ausgefeilt". Dazu komme, dass die geschilderten Sachverhalte "durchaus komplex" seien und dann auch noch von Gudenus ins Russische übersetzt wurden. Wenn überhaupt, war der Abend also die "bsoffene Gschicht", als die der eifrig Wodka und Red Bull trinkende Strache die Ibiza-Affäre kleinzureden versuchte.

Hätte man Strache und Gudenus jedoch eines der gängigen K.-o.-Mittel verabreicht, so schreiben die Gutachter, wäre eine "zunehmende Ermüdung bis hin zu Benommenheit, Schläfrigkeit, Bewusstseinseintrübungen" oder sogar "komatösen Zuständen" zu erwarten gewesen - und zwar zeitnah. Sowohl Gudenus als auch Strache - die sich beide auf Anfrage von SZ und Spiegel nicht zu dem Gutachten äußerten - hätten aber über mehrere Stunden "keine der bekannten Ausfallerscheinungen" gezeigt.

Es sei daher schlichtweg "unmöglich", so die beiden Rechtsmediziner, dass Strache und Gudenus unter dem Einfluss von K.-o.-Mitteln standen. Es scheint, er war's doch selbst.

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