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Stoiber: Der Neuanfang:Unser Mann in Brüssel - Edmund Sisyphus

"Ich bin niemandem unterstellt": Wie Edmund Stoiber den Bürokratie-Abbau in Brüssel angeht.

In der "Vip Corner" der EU-Kommission standen schon viele Menschen, die wichtig waren oder sich so gefühlt haben. Wer als halbwegs prominenter Politiker einen Termin beim Kommissionspräsidenten bekommen hat, fährt anschließend 13 Stockwerke nach unten, um vor einer blauen Europa-Fahne in einer Ecke des Foyers vor die Presse zu treten und über den Besuch zu berichten.

Wieder im öffentlichen Blickfeld: Ex-Regierungschef Stoiber mit dem Präsident der EU-Kommission Barroso

Wieder im öffentlichen Blickfeld: Ex-Regierungschef Stoiber mit dem Präsidenten der EU-Kommission Barroso

(Foto: Foto: AP)

Wie viele Medienvertreter sich dort einfinden, ist dann immer ein recht erbarmungsloser Gradmesser, ob der Mensch, der gerade in der Ecke steht, in Europa für wichtig gehalten wird - oder sich nur so fühlt.

Am Montagmorgen sind knapp zwei Dutzend deutsche Korrespondenten gekommen, als sich der bayerische Ministerpräsident a.D., Edmund Stoiber, in der Vip-Corner als neuer Berater der EU-Kommission vorstellt. Mit ihm sind Präsident José Manuel Barroso und Kommissar Günter Verheugen erschienen.

Alle drei Herren tragen graue Anzüge. Barroso lächelt genießerisch. Verheugen sieht müde aus. Stoiber schaut ernst, fast grimmig. Er sagt, er komme sich vor wie "Sisyphus". Er müsse fortan "an dicken Brettern bohren", habe aber "Vollzugserfahrung".

Giftige Kommentare

Nur in Deutschland interessiert man sich für solche Bekenntnisse eines 66-jährigen Bayern, dessen Wirkungskreis in Brüssel überschaubar bleibt. Unter Hunderten Expertengruppen, die der Kommission zuarbeiten, wird Edmund Stoiber in den nächsten drei Jahren eine Gruppe mit 14 Fachleuten leiten und Vorschläge machen, wie man die Bürokratiekosten der Unternehmen senken kann.

Die Neugier der Öffentlichkeit gilt natürlich nicht den trockenen Details. Man will wissen, wie ein Mann mit hoher Selbsteinschätzung und gerade verlorener Macht mit seiner neuen, eher bescheidenen Rolle zurechtkommt. Über jedem Auftritt von Stoiber in Brüssel hängt deshalb immer auch ein Hauch von Schadenfreude.

Stoibers neue Aufgabe sei ein "Versorgungsposten", eine "Schnapsidee" - die giftigen Kommentare hören nicht auf. Sie sind geeignet, Stoibers neues Wirkungsfeld zu beschädigen, noch ehe die erste Sitzung stattgefunden hat. Der Ministerpräsident a.D. lässt am Montag nicht erkennen, ob ihm das zu schaffen macht.

Sein düsterer Blick ist vermutlich reiner Konzentration geschuldet. Stoiber lauscht aufmerksam einem Dolmetscher, der ihm direkt ins Ohr übersetzt, was neben ihm Barroso und Günter Verheugen auf Englisch erklären, nämlich, wie "very important" die Aufgabe ist, die der Bayer nun vor sich hat.

Stoiber selbst spricht vom "Gleichgewicht", das man finden müsse zwischen zu viel und zu wenig Bürokratie. Seine Zuhörer sind aber mehr daran interessiert, ob der Bürokratie-Bekämpfer mit sich selbst im Reinen ist. "Ich bin niemandem unterstellt", betont Stoiber. "Ich bin unabhängig." Schließlich habe er ein Ehrenamt übernommen, "und das verträgt sich nicht mit einem Subordinationsverhältnis".

Bescheidener Zuschnitt

Kein Wort darüber, ob ihn der bescheidene Zuschnitt seiner neuen Aufgabe enttäuscht. Nur zwei eigene Beamte hat Edmund Stoiber in Verheugens 20-köpfiger Anti-Bürokratie-Taskforce untergebracht. Er wird auch eine eigene Sekretärin haben.

Sein Büro wird jedoch nicht im Berlaymont sein, der Kommissionszentrale, sondern 100 Meter entfernt im Breydel-Gebäude, dem alten, schon etwas schäbigen Haus, in dem die Kommission bis vor zwei Jahren tagte.

Wenigstens Stoibers Expertengruppe darf in die Brüsseler Machtzentrale einziehen, wenn sie sich künftig ein- bis zweimal im Monat trifft. Wer alles dazugehören wird, ist am Montagmorgen allerdings immer noch nicht klar.

Zwei Deutsche sind dabei, der Unternehmensberater Roland Berger und Ex-Bahn-Chef Johannes Ludewig. Die anderen Kandidaten wissen zum Teil noch gar nichts vom ihrem Glück. Noch am Montag wird von Brüssel aus emsig herumtelefoniert.

Angesichts so vieler offener Fragen um die neue Beratertruppe gibt wenigstens Edmund Stoiber in der Vip Corner eine vertraute Vorstellung. Er habe schon "vor 30 Jahren mit dem legendären Kommissionspräsidenten Jacques Delors über Bürokratie-Abbau gesprochen", lässt er wissen.

Da lächelt der jetzige Kommissionschef Barroso erstmals nicht mehr breit, sondern nur noch süßsauer.

© SZ vom 20. November 2007
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