Stimmung:"Das ist doch alles Geldverschwendung!"

Rettungsboot aus 1.000 bunten Planken

Brennende Häuser, kenternde Boote, ein friedlich-grünes Deutschland - 15 000 Kinder haben auf den Holzplanken kleine Kunstwerke geschaffen, die im Leipziger Hauptbahnhof zu sehen sind.

(Foto: Ralf Adloff/Kindermissionswerk)

Belustigt bis skeptisch schauen sich die Leipziger das Treiben der Besucher des Katholikentags an.

Von M. Drobinski, C. Pollmer, Leipzig

Wir sind viele, lautet die Botschaft. Vielleicht 15 000 Menschen drängen sich auf dem Platz vor dem Leipziger Gewandhaus, der Altar gleißt im Scheinwerferlicht, die Reihe der Bischöfe, Priester und Ministranten zieht ein, das Schlagzeug wummert, es posaunt und trompetet, der Chor hebt an: "Brot, das die Hoffnung nährt . . ." Und alle singen mit, können die Gebete, wissen, wann ein Kreuzzeichen kommt. Hier und da lässt sich einer ablenken und schaut zu den Scharfschützen auf den umliegenden Dächern.

Fronleichnam, die Verehrung des für die Welt dahingegebenen Leibes Jesu Christi, ist ein sehr katholischer Feiertag. In Sachsen ist dieser Donnerstag ein gewöhnlicher Arbeitstag, so trifft morgens um zehn Uhr die katholische Minderheit auf den Rest der Welt. Für fünf Tage ist diese Minderheit in Leipzigs Innenstadt unübersehbar, und nun, für knapp zwei Stunden, wird sie sogar zur Mehrheit. Und da sind die anderen. Die Studenten, die bei Starbucks ihren Kaffee trinken, die Mütter mit den Kinderwagen, der eilige Anzugträger und die tätowierten Jungs mit dem Bier und aller Zeit der Welt. Es predigt Heiner Koch, der Berliner Erzbischof, vor Kurzem noch Bischof von Dresden. Er lässt sich hinwegreißen von diesem Augenblick. "Gott ist auch im Alltag mitten unter uns", ruft er in Richtung der neugierigen Zuschauer, "wagen Sie es doch einfach mal mit Gott!" Der Applaus der versammelten Katholiken ist ihm sicher. Es reiht sich aber trotzdem keiner der anderen spontan in die Schar der Gläubigen ein.

In Leipzig nennt man sich "normal", wenn man keiner Konfession angehört, Islam wie Buddhismus fern sind und der Atheismus auch nicht besonders glaubensstark daherkommt. Normal sind mehr als 70 Prozent der Bevölkerung, evangelisch knapp 20 Prozent, katholisch nur vier. In Leipzig ist der Anteil der Christen niedriger als zum Beispiel in Singapur; die Gegend gehört zu den am stärksten säkularisierten Regionen Europas - ein Prozess, der mit der Industrialisierung in Sachsen im 19. Jahrhundert begann und sich in 40 Jahren DDR beschleunigte.

Das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) aber hat sich bewusst für Leipzig entschieden, nach dem Treffen im katholischen Regensburg vor zwei Jahren. Zum einen, um die Katholiken in der Minderheit zu stärken - und zum anderen in der Hoffnung, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen, die da sagen: Ich glaube nichts, und mir fehlt nichts. Und so gibt es in Leipzig einen Programmschwerpunkt "Leben mit und ohne Gott", zu dem dezidiert auch Religionslose und Sucher eingeladen sind und deren Veranstaltungen keinen Eintritt kosten; die Bischöfe Wolfgang Ipolt (Görlitz) und Stefan Oster (Passau) laden gar in einen Irish Pub zum Kneipengespräch nicht nur über Gott. Auch die katholischen Verbände und Initiativen in der Leipziger Innenstadt möchten sich mit fair gehandeltem Kaffee, Keksen und Infomaterial offen für alle zeigen.

Erst einmal aber mussten die Katholikentagsmacher lernen, dass in Leipzig das Treffen durchaus umstritten war. Warum muss die hoch verschuldete Stadt eine Million Euro für das knapp zehn Millionen Euro teure Treffen zuschießen? Erst nach längeren Debatten stimmte der Stadtrat zu - unter anderem mit dem Argument, dass ja auch die Kirchen bei der friedlichen Revolution 1989 einiges für die Stadt getan hätten. Vergessen ist die Debatte aber nicht: "Du sollst deinen Kirchentag selbst bezahlen" mahnt ein von der säkularen Giordano-Bruno-Stiftung aufgestellte Plastik-Moses; es klebt der ein oder andere "Verpisst Euch"-Aufkleber. "Das ist doch alles Geldverschwendung!" ruft ein Mann über das Treiben in der Innenstadt hinweg.

Der Hotelbesitzer findet Gothic-Fans und Kirchgänger gleich nett und gleich fremd

Meist aber koexistieren in diesen Tagen von Leipzig die beiden Welten friedlich und freundlich-distanziert. Die Leipziger zeigen den Fremden in den bunten Goretex-Jacken und Trekkingschuhen den Weg, die Katholikentagsbesucher trinken das Bier der Leipziger und essen ihre Wurst und sind dabei wesentlich leiser als die RB-Leipzig-Fans, die gerade den Aufstieg ihres Vereins in die Bundesliga gefeiert haben. Und sie sind weniger anstrengend als die 20 000 Gothic-Anhänger, die vorige Woche in Leipzig waren: "Die verbrauchen so viele Handtücher beim Abschminken", sagt ein Hotelbetreiber, der ansonsten Grufties wie Katholiken gleich nett und gleich fremd findet. Bei aller demonstrativen Offenheit: Die Zeichen und Sprachcodes der katholischen Verbände, die sich in der Leipziger Innenstadt präsentieren, sind von Menschen nur noch schwer zu verstehen, die in der dritten Generation religionslos leben.

"Der Katholikentag in Leipzig ist ein Laboratorium", sagt Thomas Sternberg, der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, "eine Übung für das Leben im säkularen Umfeld", das auch vielen westdeutschen Christen bevorstehe. Dass in diesem Umfeld Hopfen und Malz für die Kirche nicht verloren sein müssen - das zeigt sich ebenfalls in Leipzig. Vor gut einem Jahr wurde hier die katholische Propsteikirche geweiht, der größte Kirchenneubau im Osten seit dem Mauerfall. Und es gibt gerade in Leipzig Stadtgemeinden, die sich ganz unironisch als jung und dynamisch bezeichnen lassen.

"Ein bestimmter kritischer Atheismus hilft paradoxerweise, Hindernisse auf dem Glaubensweg zu überwinden", spricht der tschechische Religionsphilosoph und Soziologe Tomáš Halík den Christen Mut zu, sich auf den Dialog mit Religionskritikern einzulassen. "Ich bin davon überzeugt, dass nicht alles, was als Atheismus bezeichnet wird einen Gegensatz zum religiösen Glauben darstellt."

© SZ vom 28.05.2016
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