USA:Der Kapitol-Stürmer aus Yale

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USA: Milizen-Gründer Stewart Rhodes.

Milizen-Gründer Stewart Rhodes.

(Foto: Jim Urquhart/Reuters)

Stewart Rhodes ist Gründer der rechten Miliz "Oath Keepers" und nun als Erster angeklagt wegen eines politisch motivierten Vergehens: aufrührerische Verschwörung.

Von Hubert Wetzel

Früher hat Stewart Rhodes stets nur die schwarze Augenklappe getragen, was ihm das Aussehen eines Freibeuters gab. Seit er vor einigen Jahren nach Texas umgezogen ist, trägt er oft auch einen schwarzen Cowboyhut. Den hatte er auch auf, als er am Nachmittag des 6. Januar 2021 vor dem Kapitol in Washington stand. In und vor dem Parlamentsgebäude prügelten sich zu diesem Zeitpunkt zornige Trump-Anhänger mit Polizisten, eine Demonstrantin war gerade in einem Gang erschossen worden. Rhodes war kurz angebunden, er antwortete nur sehr knapp auf Fragen und tippte auf seinem Telefon herum. Offensichtlich war er beschäftigt.

Die Frage ist: Womit war Elmer Stewart Rhodes III an jenem Nachmittag beschäftigt?

Es gibt dazu zwei Darstellungen. So wie Rhodes es sieht, waren er und Tausende andere amerikanische Patrioten am 6. Januar am Kapitol, um gegen die illegale Machtergreifung durch den Kommunisten Joe Biden zu demonstrieren, der Donald Trump den Wahlsieg gestohlen hatte. So wie das Justizministerium es sieht, war Rhodes hingegen der Kopf einer Gruppe militanter Staatsfeinde, die an jenem Tag das Ziel hatten, die friedliche, legale Bestätigung des rechtmäßigen Wahlsiegs von Biden durch den Kongress mit Gewalt zu verhindern. So zumindest steht es in der Anklageschrift, die die US-Justiz am Donnerstag veröffentlichte, nachdem FBI-Beamte Rhodes in Texas verhaftet hatten.

Seit dem 6. Januar 2021 wurden Hunderte Menschen angeklagt, die beim Sturm auf das Kapitol dabei waren. Doch Stewart Rhodes sticht aus dieser Menge heraus, nicht nur wegen seiner Augenklappe. Da ist zum einen die Straftat, die er begangen haben soll. Bisher wurden den Kapitolsangreifern zumeist eher banale Dinge zur Last gelegt - Landfriedensbruch oder Widerstand gegen die Staatsgewalt. Rhodes ist jetzt der erste Angeklagte, dem ausdrücklich ein politisch motiviertes Vergehen vorgeworfen wird, das gegen die Regierung und die Gesetze der Vereinigten Staaten gerichtet war: seditious conspiracy, übersetzt: aufrührerische Verschwörung, mögliche Höchststrafe: 20 Jahre Haft. Die Anklage spiegelt damit wider, was zumindest die Demokraten in den Ereignissen vom 6. Januar sehen - einen rechtsnationalen Umsturzversuch.

Und dann ist da die Person Stewart Rhodes - ein bulliger Mann Mitte fünfzig, der als Fallschirmjäger gedient, in Yale Jura studiert und 2008 eine der größten rechten Milizen der USA gegründet hat: die Oath Keepers. Sie unterscheiden sich von anderen, ähnlichen Gruppen dadurch, dass Rhodes vor allem unter aktiven und pensionierten Soldaten und Polizisten um Mitglieder geworben hat. In der amerikanischen Milizen-Szene hat Rhodes einen großen Namen. Leute, die Rhodes kennen und für sehr gefährlich halten, sagen, er wisse genau, dass man zuerst die Polizei und die Armee unterwandern müsse, wenn man eine Revolution anzetteln wolle.

Was Rhodes genau anzetteln will, ist nicht immer ganz klar. Er redet viel und gibt wohl auch ganz gerne an. Seine Miliz ist vermutlich deutlich kleiner als er immer behauptet, eher 5000 als 25 000 Mitglieder, und sie ist nicht besonders straff organisiert. Aber seine Leute sind gut bewaffnet, und Rhodes und seine Männer tauchen oft dort auf, wo militante Rechte auf die Staatsmacht prallen.

Die Gedankenwelt, in der Rhodes lebt, ist düster, voller linker Feinde, die angeblich Amerika zerstören wollen. Gegen die, davon ist er überzeugt, müssten sich die wahren Patrioten wehren, notfalls mit Gewalt. Aus der Sicht von Stewart Rhodes befinden sich die USA längst tief in jenem zweiten Bürgerkrieg, über den Kommentatoren derzeit so viel spekulieren. Der 6. Januar 2021 war für ihn ein Tag des Kampfes in diesem Krieg - zwei Gruppen von Oath Keepers drangen damals ins Kapitol ein. Rhodes blieb draußen vor dem Gebäude. Er bestreitet auch, seinen Leuten den Befehl gegeben zu haben, das Parlament zu stürmen. Die Staatsanwaltschaft glaubt, das Gegenteil beweisen zu können.

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