Stenograf im Bundestag "Der rauschende Beifall schlägt alles andere"

Wenn Sie Ihre Erfahrungen ins Spiel kommen lassen - welches Mittel der Meinungsbekundung empfinden Sie als das wirksamste: Das (provozierende) Lachen? Der Zwischenruf? Oder doch der rauschende Beifall?

Christoph Weemeyer.

(Foto: Stella von Saldern; SZ)

Der rauschende Beifall. Ich denke, der schlägt alles andere. Aber zu einer lebhaften Debatte gehören auch Zurufe. Die hört man leider gar nicht, wenn man sich eine Debatte im Fernsehen oder im Netz anschaut. Aber in unseren Protokollen kann man sie ja zum Glück nachlesen.

Sind Sie in diesem Job politischer geworden? Hat Sie die Leidenschaft ergriffen? Oder ist mit der Zeit die Distanz gewachsen? Nach dem Motto: Job ist Job, mehr will ich damit nicht zu tun haben?

Ich habe Politik studiert, also bin ich auch politisch interessiert. Trotzdem würde ich sagen, dass man Abstand zu den Inhalten gewinnt - und sich darauf konzentriert, ein gutes, richtiges Protokoll abzuliefern.

Haben Sie das Gefühl, dass die Debatten im Parlament sich am Abend oder am nächsten Tag auch adäquat in den Medien wiederfinden?

Ehrlich gesagt frage ich mich oft, ob nicht mehr Leute mitbekommen sollten, was im Parlament geschieht. Manchmal wundere ich mich schon, dass Themen, die im Bundestag schon lange diskutiert worden sind, erst ein Jahr oder anderthalb Jahre später in der öffentlichen Debatte auftauchen.

Bleibt die Herzkammer Parlament also viel zu sehr außen vor?

Bei vielen klassischen Medien kommt es mir schon so vor. Anderseits fällt mir auf, dass in den sozialen Netzwerken immer häufiger einzelne Reden auftauchen, die auch kräftig geteilt und gelikt werden. Das sind häufig auch Reden von weniger bekannten Abgeordneten. Jemand stellt die Rede ins Netz, und schon interessieren sich viele Leute dafür. Das ist schon spannend.

Haben Sie keine Angst, überflüssig zu werden?

Nein, im Gegenteil. Transparenz wird doch immer wichtiger. Ich würde sagen: Noch nie war ein präzises Protokoll so wichtig wie heute.

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