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Osteransprache des Bundespräsidenten:"Eine Prüfung unserer Menschlichkeit"

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wendet sich in einer Rede an die Nation.

(Foto: AFP)
  • In seiner Osteransprache widmet sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Herausforderungen durch die Corona-Krise.
  • Er warnt davor, dass sich aus der Krise eine Ellenbogengesellschaft entwickeln könnte. Deutschland könne jedoch nur stark und gesund aus der Situation hervorgehen, wenn es auch den Nachbarn gut gehe.
  • Steinmeier lobt die Bevölkerung, die momentan viele Eingrenzungen erfahre.

Von Stefan Braun

Nach der Krise ist alles wie vorher? Geht weiter wie immer? Mancher mag das noch hoffen im Ausnahmezustand der Corona-Krise. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat davon längst Abstand genommen. Am Karsamstag meldete er sich in einer TV-Ansprache auf mehreren Sendern mit einem großen Lob und einer großen Mahnung zu Wort (hier die Rede im Wortlaut). Vor allem aber macht er deutlich: "Die Welt danach wird eine andere sein." Wie diese Welt aussehen werde, müssten die Menschen selbst entscheiden. "Die Pandemie ist kein Krieg - sie ist eine Prüfung unserer Menschlichkeit."

Der Bundespräsident hat sich in dieser Krise lange Zeit weitgehend zurückgehalten. Er wollte auf keinen Fall wichtigtuerisch wirken. Jetzt aber, zu Ostern, möchte er um Unterstützung für die Beschlüsse der Regierenden werben und dazu auch gleich noch eine optimistische Vision beschreiben. Eine Hoffnung, deren Umsetzung die Gesellschaft selbst in der Hand habe.

Längst zeigen sich laut Steinmeier die zwei großen Alternativen, vor denen die Gesellschaft für die Zukunft stehen werde: "Entweder jeder für sich, Ellbogen raus, hamstern und die eigenen Schäfchen ins Trockene bringen." Oder aber es gelinge, das zu bewahren, was viele Menschen gerade jetzt so auszeichne: das neue Engagement für den anderen, die "geradezu explodierende Kreativität und Hilfsbereitschaft", die neue Wertschätzung für die Kassiererin oder den Paketboten. Steinmeier, so viel ist klar, möchte die zweite Alternative in die Zukunft retten.

Und das gilt nicht nur für Deutschland, sondern auch für Europa und die Welt. Auf allen Ebenen stellten sich jetzt entscheidende Fragen: "Suchen wir gemeinsam nach dem Ausweg oder fallen wir zurück in Abschottung und Alleingänge?" Steinmeiers Wunsch, ja Sehnsucht ist unmissverständlich: "Teilen wir doch alles Wissen, alle Forschung, damit wir schneller zu Impfstoff und Therapien gelangen." Und: "Sorgen wir in einer globalen Allianz dafür, dass auch die ärmsten Länder Zugang haben."

In seiner Fernsehansprache ließ der Bundespräsident keinen Zweifel daran, dass die Krise das Schlechteste und das Beste aus den Menschen hervorlocke. Und er gab eine Antwort auf die Frage, welchem Reflex die Menschen folgen und welchem sie auf keinen Fall nachgeben sollten. "Zeigen wir einander das Beste! Und zeigen wir es bitte auch in Europa." Deutschland könne nicht stark und gesund aus dieser Krise hervorgehen, wenn nicht auch die Nachbarn wieder stark und gesund würden. "Dreißig Jahre nach der deutschen Einheit, 75 Jahre nach dem Ende des Krieges sind wir Deutsche zur Solidarität in Europa nicht nur aufgerufen - wir sind dazu verpflichtet."

Die Gefahr des Virus sei noch nicht gebannt

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Seinen Appell verbindet Steinmeier mit einem Lob für die Bevölkerung. Einem Lob für den Kraftakt, den die Gesellschaft gerade vollbringe. Noch sei die Gefahr durch das Virus nicht gebannt. Aber schon jetzt stehe fest: "Jeder von Ihnen hat sein Leben radikal eingeschränkt, jeder von Ihnen hat dadurch Menschenleben gerettet und rettet täglich mehr."

In diesem Zusammenhang verbirgt Steinmeier nicht, dass ihn die Analyse mancher, die Einschränkungen würden schon totalitäre Züge tragen, mindestens irritiert, wenn nicht ärgert. "Den Kraftakt, den wir in diesen Tagen leisten, den leisten wir doch nicht, weil eine eiserne Hand uns dazu zwingt. Sondern weil wir eine lebendige Demokratie mit verantwortungsbewussten Bürgern sind!" Eine Demokratie, in der man einander zutraue, auf Fakten und Argumente zu hören, Vernunft zu zeigen, das Richtige zu tun. "Eine Demokratie, in der jedes Leben zählt - und in der es auf jede und jeden ankommt."

Tatsächlich offenbare die Pandemie eine Verwundbarkeit, die kaum jemand noch für möglich gehalten hätte. "Vielleicht haben wir zu lange geglaubt, dass wir unverwundbar sind, dass es immer nur schneller, höher, weiter geht." Genau das sei ein Irrtum gewesen. Umso wertvoller sei die Solidarität, die derzeit jede und jeder erleben könne. "Wir werden nach dieser Krise eine andere Gesellschaft sein."

Geht es nach Steinmeiers Vorstellungen, dann soll das keine ängstliche, keine misstrauische Gesellschaft sein. Sondern eine "mit mehr Vertrauen, mit mehr Rücksicht und mehr Zuversicht." Eine, die den Gewinn der Solidarität nicht mehr vergisst.

Ob das zu Ostern zu viel der guten Hoffnung sei? "Über diese Frage hat das Virus keine Macht", so endet Steinmeiers Manuskript. "Darüber entscheiden allein wir selbst."

© Sz.de/mpu
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