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Kaffeetafel:Treffen sich ein Student, die Frau vom Imbiss und der Bundespräsident

Bundespräsident lädt zur Kaffeetafel ein

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M) sitzt mit Bürgern im Cafe Kanitz.

(Foto: dpa)

Rettet miteinander reden die Demokratie? Frank-Walter Steinmeier trinkt in Thüringen Kaffee mit höchst unterschiedlichen Bürgern - zwischen denen es auch mal kracht.

Von Hannah Beitzer, Gera

Über kaum eine Sache wurde die vergangenen Jahre mehr geredet als darüber, dass wir mehr miteinander reden müssen: nach rechten Demos, Landtagswahlen, die der AfD neue Rekordergebnisse bescherten, nach diversen Empörungsstürmen in den sozialen Medien und Berichten über Städte, in denen die Einwohner verschiedener politischer Lager aufeinander losgehen. Die dahinterstehende Theorie: Wir schotten uns - verstärkt durch die Macht der Algorithmen - in Filterblasen ab, unwillig, den anderen zu verstehen. Daher all die Wut, all der Hass. Da liegt der Schluss nahe, dass Reden das beste Mittel ist, um das Miteinander zu verbessern - und letztlich die Demokratie zu retten.

Hier setzt eine Veranstaltungsreihe von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier an. Seit August 2018 tourt der oberste Repräsentant der Bundesrepublik durch deutsche Städte und trifft sich dort mit Bürgern: mit Handwerkern und Studentinnen, mit Unternehmerinnen und Lehrern, mit Kulturschaffenden und Ehrenamtlichen, mit AfD-Anhängern und Flüchtlingshelfern. So auch an einem verregneten Montag in Gera, einer Stadt, der gerne das Etikett "schwierig" angeheftet wird: Gera ging vor einigen Jahren pleite, ein einmaliger Vorgang. In keiner anderen Thüringer Stadt ist die AfD so stark.

Die Frau von der AfD sitzt neben der syrischen Lehrerin

Hier also sitzt Frank-Walter Steinmeier im Café Kanitz am Marktplatz, Teller voller Donauwelle und Macarons vor sich und sagt mit einem Blick in die Runde: "Mir liegt es daran, mit Ihnen ins Gespräch zu kommen und dass sich hier vielleicht Menschen treffen, die sich sonst nicht treffen." Das dürfte schon einmal gelungen sein. Die Frau von der AfD sitzt neben der syrischen Lehrerin mit Kopftuch. Am einen Ende des Tisches erzählt der Handwerker von seinen Problemen, Fachkräfte zu finden, am anderen Ende erläutert Kay Kuntze, Generalintendant des Theater Gera, wie er mithilfe von Fünf-Euro-Tickets Schüler ins Theater lockt, deren Eltern finden, das Geld sei bei McDonalds sinnvoller investiert.

Ein Thema, das die ganze Runde beschäftigt, ist die Bildung. Die Eltern in der Runde berichten, dass wöchentlich Stunden ausfallen, die Studenten erzählen, dass junge Lehrer in andere Bundesländer abwandern. Auch die Tochter von Evelyn Gropp, Rentnerin und Leiterin der Fraktionsgeschäftsstelle der AfD in Gera, ist Lehrerin. Vor zehn Jahren hat sie ihren Abschluss gemacht, aber keine Stelle bekommen. "Sie hat bittere Tränen geheult", sei "Amok gelaufen". Doch eine Stelle habe sie nicht bekommen. Nun sei sie Grundschullehrerin in Berlin. Am Schluss habe sie dem zuständigen Ministerium gesagt: "Ich wünsche Ihnen, dass Sie eines Tages keine Lehrer mehr haben."

Gleich danach erzählt ihre Sitznachbarin, die in Syrien 20 Jahre lang Lehrerin war und nun soziale Arbeit studiert, wie sie ihren alten Beruf vermisst - und fragt, warum die Politik nicht mehr dafür tut, dass Migranten ihre Berufsabschlüsse anerkannt werden. Sie selbst hat Arabisch unterrichtet, ein Fach, das es an deutschen Schulen nicht gibt: "Aber ich kenne Leute, die haben Chemie oder Mathematik unterrichtet." Sie scheiterten an der Bürokratie. Man kann das als interessantes Nebeneinander lesen, als Anknüpfungspunkt ähnlicher Erfahrungen zwischen AfD-Frau und Syrerin. Doch die Distanz zwischen beiden bleibt spürbar.

Es geht lange um den Fachkräftemangel, um die mangelnde Wertschätzung für Ausbildungsberufe, über die fehlenden Perspektiven für junge Menschen in Gera. Aber auch darum, was die an ihrer Stadt mögen. Ihre Tochter, so erzählt es Kathrin Funk, Eigentümerin eines Imbisses namens "Gersche Fettgusche", sei ein Jahr in Amerika zur Schule gegangen: "Damit sie mal rauskommt aus dem Mutti-macht-alles-Modus." Sie habe schon fast damit gerechnet, dass die Tochter in Amerika bleibt, oder in eine der aufregenderen deutschen Städte zieht: "das Multikulti-Leben, die Weltoffenheit", da könne Gera ja nicht ganz mithalten. "Wenn man hier rumläuft, dann lächelt keiner, da fragt man sich: Was ziehen die alle so 'ne Schnute?" Doch die Tochter sei geblieben. Gleich drei Mitglieder des Geraer Jugendrats sind gekommen, sie pflichten Funk bei: Auch sie leben gerne in Gera.

Mit AfD-Sympathisanten in den syrischen Laden

Wer der Runde zuhört, der vergisst schnell das Bild des tristen Gera. Es wird viel gelacht. Und viel gemacht in der Stadt. Da ist zum Beispiel Jana Huster, Autorin, Trauerrednerin, Fremdenführerin. Aber nicht eine für die Fremden, wie sie einem überraschten Bundespräsidenten erzählt. Sondern eine, die die Geraer zu den Fremden bringt - nämlich zu den Geflüchteten, die nach 2015 in die Stadt kamen. Sie besucht mit skeptischen Deutschen Moscheen, syrische Feinkostläden. "Da sind ja Gerüchte unterwegs, das glauben Sie nicht", sagt sie. Zum Beispiel habe ihr neulich ein Bestatter zugeraunt, dass die Syrer ihre Mädchen umbrächten, er habe im Krankenhaus von ungeklärten Todesfällen gehört. Oder es heiße, die Flüchtlinge klauen in den Arkaden und werden dann einfach freigelassen. Und dagegen helfen ihre Touren? "Naja, die Leute rennen da nicht raus und sind total bekehrt", sagt Huster. "Aber immerhin total vollgestopft. Die Syrer sind ja wahnsinnig gastfreundlich."

Warum sie das mache, fragt der Bundespräsident. "Weil ich selber so war", sagt Huster. "Ich hab ein ganz normales Umfeld. Ich kenne auch Leute, die AfD wählen." Sie aber finde, jeder, der herkomme, habe eine Chance verdient. Gleichzeitig, so ergänzt es die syrische Lehrerin an der anderen Seite des Tisches, wollen die Menschen, die kommen, ihre Kultur nicht verlieren. "Integration bedeutet für mich nicht: Ich muss mein Kopftuch ablegen und mich wie eine Deutsche benehmen." Sondern: offen sein, die Rechte und Pflichten kennen, sich an Gesetze halten.

Steinmeier und die Sprache der Täter

Wer dieser Runde zuhört, der mag sich nicht mehr dem Befund anschließen, dass die Menschen ganz generell das Miteinander reden verlernt haben. Evelyn Gropp von der AfD allerdings nimmt eine besondere Position ein. Nach dem Bericht der Fremdenführerin zischt sie: "Jaja, Sie führen die Normalen, wir sind die Unnormalen." Ziemlich das Gegenteil von dem, was Huster eigentlich sagte. Gropp fühlt sich aber generell missverstanden. "Wir sind gar nicht gegen Ausländer, uns ist da aber 2015 was übergestülpt worden." An die DDR fühle sie sich erinnert, damals wie heute sei Widerspruch unerwünscht. Sie fürchte auch um die Zukunft ihrer Enkel.

"Inwiefern ist die Zukunft Ihrer Enkel hier in Gera bedroht?", fragt Steinmeier. Es gehe ihr nicht um Gera, sagt Gropp. Aber zum Beispiel um das, was der Bundespräsident zu seiner Rede in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem gesagt habe: Deutsch sei die Sprache der Täter. "Was ist mit Goethe, Schiller, Heine", ruft sie. Und: "Ich bin kein Täter."

Steinmeier widerspricht scharf. Natürlich könne man sich hinstellen und sagen: Ich bin Deutscher, ich spreche überall Deutsch. Er als erster Bundespräsident, der je die Gedenkstätte Yad Vashem besuchen durfte, habe sich allerdings anders entschieden. Er wollte den letzten Überlebenden des Holocausts Respekt erweisen. Menschen, die mit der deutschen Sprache schlimmste Erfahrungen verbinden - und für deren Unwohlsein, diese Sprache nicht an diesem Ort zu hören, er höchstes Verständnis habe. "Und das führt jetzt dazu, dass meine Kommentarspalten vollgemüllt sind."

"Niemand in Europa glaubt, dass Deutschland vor dem Abgrund steht"

Er geht auch auf ihren DDR-Vergleich ein. "Ich habe diese Runden schon überall gemacht", sagt er, "überall treffe ich Menschen, die sagen: Man darf hier nichts sagen." Nur sei diesen Menschen offenbar nicht klar: Nicht nur sie hätten das Recht, etwas zu sagen. Sondern auch andere das Recht, zu widersprechen. So wie er nun: "Niemand in Europa glaubt, dass Deutschland vor dem Abgrund steht", sagt er. "Ich bitte Sie daher zu überprüfen, ob nicht Ihre Grundthese das Problem ist."

Und hier ist man schnell wieder bei der Ausgangstheorie, der Theorie der voneinander abgeschotteten Filterblasen, in die die Gesellschaft zerfällt. Die gilt nämlich inzwischen weitgehend als widerlegt. Experten sprechen stattdessen von einem Filter-Clash: Wo verschiedene Gruppen aufeinander treffen, da kracht es. Und das ist den neuen Theorien zufolge in einer digital vernetzten Gesellschaft nicht seltener, sondern häufiger der Fall als früher.

"Der Kompromiss ist kein Selbstzweck", sagt der Bundespräsident zum Abschluss. "Aber die Gesellschaft lebt davon, dass Menschen mit unterschiedlichen Interessen sich aufeinander zubewegen." Nun mag das miteinander reden, wie es der Bundespräsident bei den Kaffeetafeln praktiziert, nicht allein die Demokratie retten. Gesprächsreihen wie diese sind trotzdem hilfreich. Um zu erproben, mit wem sich der Clash vermeiden lässt. Und in welchen Fällen er bitter nötig ist.

© SZ.de/cck
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