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Steinigung in Iran:Keine Gnade

Die Steinigung der wegen Ehebruchs verurteilten Iranerin Sakineh Mohammadi Aschtiani ist abgesagt, dafür jagt der Staat nun ihren Anwalt. Der ist untergetaucht - und seine Familie Repressalien ausgesetzt.

Das Bild der wegen Ehebruchs zur Steinigung verurteilten Iranerin Sakineh Mohammadi Aschtiani hat das Schicksal der Todeskandidatin in der Welt bekannt gemacht. Während sie immer noch nicht weiß, ob sie begnadigt wird oder ob die Todesstrafe auf andere Weise vollstreckt wird, ist die 43-Jährige im Gefängnis befragt worden, wie dieses Foto in die Öffentlichkeit gelangte und welche Verbindungen ihre Familie hat.

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Ein Steinigungsgegner protestiert in London für Sakineh Mohammadi Aschtianis Freilassung.

(Foto: afp)

Wie es heißt, wurde sie unter Druck gesetzt, ihre beiden Kinder zum Schweigen anzuhalten, weil diese sonst verhaftet würden. Ihr 22-jähriger Sohn Sadschad, der in einem offenen Brief an die Spitzen des Staates um Gnade gebeten hatte, ist in der letzten Woche zwei Mal von der Geheimpolizei zum Verhör vorgeladen worden. Er wurde angewiesen, sein Mobiltelefon abzuschalten.

Anwalt für Menschenrechte

Iranische Medien dürfen über den Fall nicht berichten. Der Anwalt der Verurteilten, Mohammed Mostafaei, teilte zuletzt mit, in den kommenden drei Wochen werde möglicherweise eine höhere Justiz-Instanz über Leben oder Tod seiner Mandantin entscheiden. Inzwischen ist er selber untergetaucht, um sich einem Haftbefehl zu entziehen. Bevor dieser erlassen wurde, wurde Mostafaei vom Geheimdienst im berüchtigten Evin-Gefängnis mehrere Stunden lang verhört, danach aber wieder freigelassen.

Als Polizisten ihn in seinem Büro verhaften wollten, aber nicht mehr vorfanden, demolierten sie die Einrichtung. Dann verhafteten sie seine Frau Fereschteh Halimi, und deren Bruder Farhadin. Oppositionelle sehen dahinter die klare Absicht, Mostafaei zu zwingen, sich zu stellen.

Der junge Anwalt ist nicht nur als Strafverteidiger, sondern mindestens so sehr wegen seines Eintretens für die Menschenrechte bekannt. Anders als die Nobelpreisträgerin Schirin Ebadi, die sich seit langem im Ausland aufhält, blieb er immer in Iran. Nach den Demonstrationen vom letzten Sommer, die auf die umstrittene Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad folgten, wurde Mostafaei verhaftet und zum ersten Mal ins Evin-Gefängnis gebracht. Im Verhör wurden ihm "Verschwörung gegen die Staatssicherheit" und "Propaganda gegen die Obrigkeit" vorgeworfen. Gegen eine Kaution von umgerechnet 72.000 Euro kam er schließlich wieder frei.

95 Peitschenhiebe

Den Fall von Sakineh Mohammadi Aschtiani griff er aus eigener Initiative auf, machte ihn bekannt und setzte die Kampagne zur Absetzung der Steinigung in Gang. Wegen ehebrecherischer Beziehungen zu zwei Männern war sie vor fünf Jahren zunächst in Tabris zu 95 Peitschenhieben verurteilt worden. Nach Vollstreckung nahm die Justiz das Verfahren wieder auf, fand angeblich erschwerende Umstände und verhängte die Todesstrafe durch Steinigung. Vier Augenzeugen, die nach islamischem Recht den Ehebruch hätten bestätigen müssen, gab es nicht.

Ein Geständnis, das die Beschuldigte vier Mal hätte ablegen müssen, wurde von ihr widerrufen. Die Richter urteilten "nach Wissen und Überzeugung". Mostafaei nannte ein solches Vorgehen gegenüber ausländischen Medien "völlig ungesetzlich" und "aus dem Hut gezaubert".

In den vergangenen Jahren hat der Anwalt mehr als 40 Angeklagte verteidigt, die des Mordes beschuldigt, aber zur Zeit der Tat jünger als 18 Jahre waren. 18 seiner Mandanten konnte er vor dem Strang retten. In der Kampagne zur Verschonung von Jugendlichen vor der Todesstrafe war er als einer der letzten im Lande verbliebenen Menschenrechtsanwälte bis zuletzt aktiv. In einem Interview mit dem persischen Dienst der Stimme Amerikas kritisierte er imletzten Oktober derartige Urteile. Sein Blog wurde kürzlich geschlossen.

Ein ehemaliger französischer Botschafter in Teheran, François Nicoullaud, sagt zum Vorgehen gegen Mostafaei: "Das Regime ist wütend über den Erfolg der Kampagne um den Fall Aschtiani in der Welt und will alle bestrafen, von denen es glaubt, dass sie dahinterstecken."