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Steinbrück gegen Merkel im Bundestag:Mit der Kanzlerin im Rosenblütenbad

Lesezeit: 4 min

Zum letzten Mal in diesem Wahlkampf treffen Herausforderer Steinbrück und Kanzlerin Merkel direkt aufeinander. Nach dem vermeintlichen Sieg im TV-Duell könnte der SPD-Kandidat jetzt nachlegen - zumal die Kanzlerin nur Fakten vorträgt und sich selbst lobt. Doch Steinbrück macht einen schweren Fehler.

Von Thorsten Denkler, Berlin

Sie jubeln und johlen, als wäre Peer Steinbrück gerade zum Kanzler gewählt worden, als hätten sie es doch noch geschafft, allen Unwahrscheinlichkeiten zum Trotz, eine rot-grüne Koalition zu schmieden. Aber gut, träumen ist erlaubt, gerade in Wahlkampfzeiten.

Peer Steinbrück, Kanzlerkandidat der SPD, sitzt jedenfalls breit grinsend in der ersten Reihe des SPD-Blocks im Bundestagsplenum. Eingerahmt von seinen applaudierenden Genossen Parteichef Sigmar Gabriel und Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier. "Na, wie war ich?", steht in sein Gesicht geschrieben. Weiter steht da: "Verdammt gut!"

Dabei hat Steinbrück in seiner Rede einen Kardinalfehler gemacht. Genauer, den Kardinalfehler, den ein Wahlkämpfer überhaupt machen kann.

Es ist die letzte Sitzung des Bundestages vor der Wahl. Viel zu besprechen gibt es nicht. Darum lautet der Tagesordnungspunkt wenig vielversprechend "Vereinbarte Debatte zur Situation in Deutschland".

Aber: Es ist für Steinbrück eine gute Gelegenheit nach seinem gefühlten Sieg im TV-Duell gegen Kanzlerin Angela Merkel vom Sonntag noch einen draufzusetzen. Merkel eröffnet die Debatte. Steinbrück spricht direkt im Anschluss. So nah werden sie sich bis zum Wahlabend kaum noch kommen.

Eingeschnappter Steinbrück

Stattdessen reagiert Steinbrück pikiert, weil Merkel in einem Interview der SPD Unzuverlässigkeit in Europafragen vorwirft. Das ist natürlich Quatsch. Die SPD hat so gut wie alle Europa-Entscheidungen im Bundestag mitgetragen. Zum Teil bis an den Rand der Selbstaufgabe. Steinbrück kontert mit dem Hinweis, dass es die Sozialdemokraten waren, die Merkel manches Mal die symbolisch bedeutsame Kanzlermehrheit gesichert haben. Hätte jetzt eigentlich gereicht.

Steinbrück aber dampft noch. Die SPD unzuverlässig? "Das werden wir uns merken", droht er. Merkel zerstöre damit Brücken, das müsse sie wissen. Fehlt noch die erhobene Faust.

Verhängnisvolle Sätze. Falls er nämlich damit sagen will, dass sich die Kanzlerin in Zukunft weniger auf die SPD verlassen kann, dann ergibt das nur Sinn, wenn die SPD weiter in der Opposition sitzt. Und kommt es zu einer großen Koalition, dann wird Steinbrück da nichts zu drohen haben. Er wird ihr nicht angehören.

Es ist der nur mäßig verdeckte Hinweis, dass es für Rot-Grün doch nicht reichen könnte, zu dem sich Steinbrück da hat hinreißen lassen. Diese über-überzeugte Siegesgewissheit, die er in den vergangenen Tagen zur Schau getragen hat, sie hat einen deutlichen Riss bekommen.

Merkel singt Loblied auf sich selbst

Merkel dagegen scheint es nicht nötig zu haben, Siegesgewissheit auszustrahlen. So wie sie spricht, würde ohnehin niemand auf die Idee kommen, dass demnächst Bundestagswahlen sind. Wie in einer Regierungserklärung pflügt sie sich mühsam durch dem lehmigen Boden ihrer schwarz-gelben Kanzlerschaft. Großes hat sie nicht zu berichten. Aber viele kleine Details, die sie zu dem Schluss kommen lassen, dass es "vier gute Jahre für Deutschland" gewesen seien. Nun ja.

Irgendwann kommt sie nach Fukushima, Afghanistan, atypischen Arbeitsverhältnissen, der Flut und Branchenmindestlöhnen auch auf die Pflege zu sprechen, und dass dort jetzt ein paar Hunderttausend Demenzkranke mit abgesichert seien.

In den Oppositionsreihen wird es laut. Merkel wird es zu laut: "Ich trag hier nur Fakten vor und schon so ein Geschrei. Sie können das gar nicht aushalten. Ist ja unglaublich."

Kanzlerin ignoriert die anstehende Wahl

Richtig: Merkel trägt nur Fakten vor. Sie kämpft nicht, sie greift nicht an, und bleibt so ungreifbar. Geht es nach Merkel, regiert sie einfach weiter. Leider gibt es da bald so eine lästige Bundestagwahl.

Steinbrück versucht erstaunlicherweise gar nicht, aus diesem letzten großen Duell Kapital zu schlagen. Leicht abgewandelt hält er eine seiner Standardwahlkampfreden. Da ist seine Nichts-Kette, die er - wie immer - mit Fragen eröffnet: Was nämlich aus den vielen Reformideen der Regierung geworden sei. Er macht dann eine Kunstpause und donnert - wenig überraschend - ein klares "Nichts!" hinterher.

Da sind seine bekannten Bilder von den Pappschildern, Etiketten, leere Schachteln und Flaschen, mit denen er die Arbeit der Regierung beschreibt. Merkel regiere das Land wie "unterzuckert", bellt Steinbrück. Unterzuckert wirkt er allerdings selber. Die Kanzlerin beeindruckt das nicht.

Während Steinbrück über die Umverteilung lamentiert, die es bisher nur von unten nach oben gegeben habe (was auch an der einst von Rot-Grün beschlossenen Senkung des Spitzensteuersatzes liegt) plaudert Merkel mit ihrem Vizekanzler Philipp Rösler.

Lustig ist auch, wie Steinbrück der Kanzlerin vorwirft, ihre Richtlinienkompetenz nie wahrgenommen zu haben. Es sei daran erinnert, wie wenig lustig es viele in der SPD fanden, als einst Kanzler Schröder seine Richtlinienkompetenz nutzte.

Merkel dagegen reicht es mal wieder, einfach alles nur irgendwie gut zu finden, was sie so gemacht hat. Darum gehe es auch dem Land gut, und wenn es dem Land gutgehe, dass sei das auch eine Folge ihrer "klugen Politik". Selbstlob gehört zum Wahlkampf und Merkel ist darin eine wahre Meisterin. Unvergessen ihr Satz, dies sei die "erfolgreichste Regierung seit der Wiedervereinigung". Den Hohn und Spott, der sie danach überspülte, schmunzelte sie einfach weg.

Sie versteht es gar nicht, wenn die Opposition in ihr Loblied nicht mit einstimmen mag. Jauchzet, frohlocket!, das hätte sie gerne. Freuen sollten sich SPD, Grüne und Linke über ihre Arbeit. Aber das wollen die nicht. "Das ist übrigens eines Ihrer Probleme, dass Sie sich nicht freuen können", sagt Merkel. Als wenn gerade sie den rheinischen Frohsinn erfunden hätte.

Selbst Unangenehmes wie ihr Festhalten an der umstrittenen Rente mit 67 verkauft sie ihren Wählern als Wohlfühl-Wellness-Programm: "Verlässlichkeit ist das Markenzeichen unserer Politik", säuselt sie, während sie ihren Zuhörern Rosenblüten ins wohlig-warme Badewasser streut.

Als sie sich setzt, brandet lang anhaltender Applaus auf. Es ist der Beifall derer, die sich sicher sind, dass sie auch im Oktober noch einer Kanzlerin Merkel applaudieren können.

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