Steinbrück gegen Merkel:Steinbrück ist gewitzt und schlagfertig

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Sein Vorschlag: 20 Milliarden Euro in den kommenden zwei Jahren. Und deutsche Unternehmen sollten sich "bindend verpflichten", Ausbildungsplätze in den mediterranen Ländern zu schaffen. Außerdem fordert er ein Wachstumsprogramm für Europa statt nur "bienenfleißig" Sparprogramme zu entwickeln.

Er hält Merkel andererseits nicht finanzierte Wahlgeschenke in einer Größenordnung von 50 Milliarden Euro vor. Da frage er sich, wie sie das den Griechen oder Portugiesen erklären wolle. Hier habe sie "die Spendierhosen an", während in diesen Länder Merkels Spardoktrin durchgesetzt werde.

In Merkels Rede kam nur einmal so etwas wie Stimmung auf. Als sie sich brüstet, die Staatsfinanzen in Ordnung gebracht zu haben, schallt ihr Hohn und Spott von SPD und Grünen entgegen. "Wer das nicht glaubt, der muss doch nur auf die Bilanz der Bundesregierung der letzten vier Jahre schauen!", gibt sie zurück. Union und FDP hätten den Schuldenberg gestoppt und Familien und Unternehmen entlastet. "Wir können das."

Union und FDP werden unruhig

SPD-Finanzexperte Joachim Poß lacht sich schlapp. Warum, erklärt später Steinbrück. Trotz sprudelnder Steuereinnahmen, trotz historisch niedriger Zinsen habe diese Bundesregierung in den vergangenen vier Jahren 100 Milliarden Euro neue Schulden gemacht. Die gesamtstaatliche Verschuldung sei um 400 Milliarden Euro gestiegen.

Unruhe in den Fraktionen von Union und FDP. Steinbrück nutzt das. "Da werden Sie noch nervöser. Das würde mich freuen. Dann hätte ich Treffer gelandet", ätzt er. "Der Punkt ist einfach: Sie können nicht mit Geld umgehen. Wenn Sie in der Wüste regieren, wird der Sand knapp. So ist das." Das Gejohle der Regierungsfraktionen kommentiert er knapp: "Mein Gott, Sie leben doch von der Rendite, die wir erwirtschaftet haben."

Spätestens zu diesem Zeitpunkt dürfte die SPD endlich den langersehnten Kanzlerkandidaten in Steinbrück gefunden haben. Steinbrück führt die Kanzlerin vor, ohne persönlich zu werden. Er ist gewitzt und schlagfertig. Und verzichtet auf seine oft oberlehrerhafte Attitüde.

Erstaunlich, wie still es im Saal wird, als er Merkel mangelndes Geschichtsbewusstsein unterstellt. Steinbrück erinnert an die Anfänge der Europäischen Union. Frankreich habe sechs Jahre nach dem Krieg gegen erheblichen Widerstand der eigenen Bevölkerung über die Montanunion Souveränitätsrechte an Deutschland abgegeben. "Das war Führung, Frau Merkel." Und: "Ihnen fehlt das historische Bewusstsein dieser Zeit." Und: "Das Erbe von Helmut Kohl ist bei Ihnen nicht gut aufgehoben."

In der Union regt sich kein Widerstand. Steinbrück hat wohl mitten ins Schwarze getroffen. Wenn er so weitermacht, könnte er doch noch ein unangenehmer Gegner für Merkel werden.

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