Staufer-Kaserne:Die hässlichen Bundeswehr-Klischees sind zurück

Bundeswehr Rocked By Sex Scandal

Sexueller Sadismus, Unterwerfungsrituale, Mobbing: Die Vorwürfe gegen Soldaten und Vorgesetzte der Staufer-Kaserne in Pfullendorf wiegen schwer.

(Foto: Getty Images)

Die Verteidigungsministerin zeichnet gerne das Bild einer neuen, modernen Armee mit Einzelstuben und Flachbildschirmen. Aus den Misshandlungen von Pfullendorf aber spricht der alte Korpsgeist.

Von Christoph Hickmann

Falls sich bestätigt, was bislang über den jüngsten Bundeswehr-Skandal bekannt ist, dann waren in der Staufer-Kaserne in Pfullendorf bizarre Doktorspiele als Teil der Ausbildung akzeptiert oder wurden jedenfalls hingenommen. Dann haben Soldaten dort neue Kameraden gefesselt sowie misshandelt. Dann versagte das System der Kontrolle durch Vorgesetzte, weshalb es der Beschwerde einer mutigen Soldatin bedurfte, um Übergriffe dieses Kalibers ans Licht zu bringen. All das ist widerwärtig und indiskutabel. Und es ist ein Großangriff auf jenes Bild von der Bundeswehr, das die Verteidigungsministerin gerne zeichnet.

Ursula von der Leyen war gerade im Amt, als sie vor drei Jahren das Ziel ausrief, die Bundeswehr zu einem der attraktivsten Arbeitgeber der Republik zu machen. Danach wurde viel über Teilzeit-Soldaten und Einzelstuben samt Flachbildschirm gelästert - aber von der Leyen brachte einige durchaus sinnvolle Dinge auf den Weg, um die Truppe attraktiver zu machen.

Ihr blieb gar nichts anderes übrig. Soll die Bundeswehr ihre bisherige Stärke halten oder, wie mittlerweile angestrebt, sogar wieder wachsen, dann muss sie sich im Wettbewerb um junge Bewerber strecken. Wie groß die Not sonst demnächst werden könnte, zeigen die jüngsten Vorschläge, die Truppe für EU-Ausländer und Schulabgänger ohne Abschluss zu öffnen. Und mit der rasant wachsenden Bedeutung der Cyberkriegführung steigt der Druck, auch solche Spezialisten für die Truppe zu gewinnen, für die eine Bundeswehr-Karriere bislang nie infrage gekommen wäre.

Auch in einer modernen Armee muss Platz sein für das Archaische

Mitten in all diese Bemühungen platzt nun der Skandal von Pfullendorf, der das Bild von der schönen neuen Truppe wieder mit hässlichen, vergessen geglaubten Bundeswehr-Klischees überdeckt - ausgerechnet wenige Tage bevor von der Leyen eine Veranstaltung mit dem Titel "Sexuelle Orientierung und Identität in der Bundeswehr" eröffnen will. Wobei der Zeitpunkt der Enthüllungen aus Pfullendorf ihr dabei sogar zupass kommen dürfte. Schließlich können nun selbst die Kritiker dieser Veranstaltung nicht mehr abstreiten, dass die Truppe offenbar Aufklärung nötig hat.

Was bei all diesen Bemühungen trotzdem nicht herauskommen darf: eine aseptische Bundeswehr. In einer Armee, auch einer modernen, muss Raum für das Archaische sein, für Initiationsriten und Rituale, die von außen betrachtet womöglich seltsam wirken. Und nein, das ist weder eine Entschuldigung noch eine Rechtfertigung für das, was offenbar in Pfullendorf geschehen ist, denn die Grenzen solcher Rituale werden selbstverständlich durch die Würde des Menschen und das Strafgesetzbuch markiert. In der Staufer-Kaserne wurde mutmaßlich gegen beides verstoßen.

Die Bundeswehr wird nie ein Arbeitgeber sein wie jeder andere, doch gerade damit lässt sich in diesen Zeiten sogar werben. Voraussetzung ist allerdings, dass Skandale wie der in Pfullendorf aufgeklärt und harte Konsequenzen gezogen werden. Sonst kann sich die Ministerin alle Broschüren und Imagefilme schenken.

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