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Äthiopien:Der ewige Streit um den Nil

Satellitenbild des Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) von Juli 2020.

(Foto: HANDOUT/AFP)

Die Anrainerstaaten des afrikanischen Flusses streiten seit einem Jahrzehnt um einen Riesenstaudamm. Dass der Sudan nun die Fronten gewechselt hat, macht es nicht einfacher.

Von Bernd Dörries, Kapstadt

"Wir können diesen Teufelskreis der endlosen Gespräche nicht ewig fortführen", sagte der sudanesische Wasserminister Yasir Abbas Anfang des Jahres. Fast ein Jahrzehnt lang verhandelt sein Land nun mit Ägypten und Äthiopien darüber, wie der im Norden Äthiopiens entstehende Riesenstaudamm Grand Ethiopian Renaissance Dam (GERD) so gestaltet werden kann, dass er für alle flussabwärts gelegenen Anrainerstaaten des Nils Vorteile bringt - oder zumindest keine gravierenden Nachteile. Bisher gab es wenig Fortschritte, mal drohte Ägypten damit, den Damm zu bombardieren, weil er das Land vom lebensnotwendigen Nilwasser abschneiden könnte. Mal beginnt Äthiopien wie im vergangenen Sommer mit der Aufstauung, ohne das Abkommen abzuwarten. Im Kern geht es vor allem darum, wie viel Wasser Äthiopien während der Stauphase durch den Damm lassen muss.

Der Sudan war bisher der berechenbarste der drei Verhandlungspartner, was sich aber in den vergangenen Monaten geändert hat, und ein Abkommen in noch weitere Ferne rücken lässt. Sudans Wasserminister hat zuletzt einiges dafür getan, den von ihm beklagten Teufelskreis noch um einige Umdrehungen zu beschleunigen. Erst beharrte er darauf, dass bei den Verhandlungen auch Vertreter der Afrikanischen Union dabei sind, dann genau das Gegenteil, was eine Runde zum Scheitern brachte.

Ein anderes Mal machte er sich Sorgen, was der Staudamm in Äthiopien denn für Auswirkungen auf die Wassersperren im Sudan haben werde. In den zehn Jahren zuvor war davon nie die Rede gewesen, der Sudan selbst sah sich immer als Gewinner des GERD.

"Für uns hat der Damm viele Vorteile. Wir haben nun jemanden, der uns die Wassermassen der Regenmonate aufstaut und auf zwölf Monate verteilt", sagte Ahmed el-Tayeb, der Direktor des Nationalen Wasserforschungszentrums im Sudan im Jahr 2018 der SZ. Der Damm in Äthiopien sei gut für die Landwirtschaft und gut für die Stromproduktion. Bisher schwankt der Nilpegel bis zu acht Meter pro Jahr. In der Dürre vertrocknen die Pflanzen der Bauern, in der Regenzeit kommt es zu dramatischen Überschwemmungen, im vergangenen Jahr starben dabei Dutzende Menschen. Der GERD würde nach der Aufstauung das ganze Jahr über eine stabile Wassermenge liefern. Die Wasserkraftwerke könnten bis zu 20 Prozent mehr Strom liefern. Die Stromversorgung im Sudan ist derzeit so miserabel, dass es in der Hauptstadt Khartum fast nur Elektrizität von Dieselgeneratoren gibt. Der GERD könnte dem Land billigen Strom liefern.

Das Mammutprojekt sollte eigentlich seit 2017 fertig sein

Dass der Wasserminister nun das Gegenteil behauptet, hat vor allem mit der veränderten politischen Großwetterlage zu tun. Seit Dezember herrscht Krieg in Äthiopien. Die Bundesregierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed versucht die widerspenstige Region Tigray unter Kontrolle zu bringen. Für die Nachbarn ist der Konflikt eine Gelegenheit, alte Rechnungen zu begleichen. Eritreische Truppen plündern und drangsalieren in Tigray die Zivilbevölkerung, nehmen Rache für den Krieg von vor 20 Jahren.

Im Dezember dann marschierten sudanesische Truppen in die seit Jahrzehnten von Äthiopien und dem Sudan beanspruchte Grenzregion Al-Fashqa ein, in der zuletzt äthiopische Bauern die Felder bewirtschafteten. Äthiopische Milizen reagierten mit Gegenangriffen. Seitdem köchelt der Konflikt unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor sich hin. Und wird von der sudanesischen Regierung nun offenbar auch mit dem Staudamm verknüpft, als Druckmittel für die Verhandlungen über den GERD.

Das Mammutprojekt sollte eigentlich bereits 2017 fertig sein, technische Probleme und Korruption verzögerten den Bau aber immer wieder. Nach der Fertigstellung soll der Damm die ganze Region mit Strom versorgen, für das politisch gespaltene Äthiopien ist er eines der wenigen Dinge, auf die sich alle einigen können. Das Land hat schon angekündigt, im Sommer mit der zweiten Phase der Aufstauung zu beginnen, egal, was die Nachbarn sagen.

© SZ
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