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Stasiakten über Weizsäcker:Aus dem Leben eines Waldkauzes

Der Waldkauz geht ins Theater und bei Rot über die Ampel: Die DDR-Staatssicherheit hat den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker akribisch überwacht. Die Spione fanden aber nichts Handfestes. Dafür einiges, was heute lustig wirkt.

Der Waldkauz ist ein putziges Tierchen, mit rundem Kopf, dunklen Kulleraugen und fluffigem braunem Gefieder, das ihn ein wenig moppelig wirken lässt. Richard von Weizsäcker ist ein schlanker, großgewachsener Mann, mit klugem Kopf, blauen Augen und früh ergrautem Haar. Dass das Ministerium für Staatssicherheit der DDR der Beschattung Weizsäckers ausgerechnet den Namen "Operation Waldkauz" verpasst hat, ist also einigermaßen verwunderlich.

Richard von Weizsäcker, Ronald Reagan, Helmut Schmidt in Berlin, 1982

Richard v. Weizsäcker, Ronald Reagan und Helmut Schmidt am Checkpoint (1982).

(Foto: AP)

Vielleicht hatten die unauffälligen Damen und Herren weniger die schnöde Optik als die Symbolik im Kopf, als sie der Observation des Fahndungsobjekts Nummer 160.014 ihren Namen gaben. Denn Eulentiere gelten in der Mythologie als Sinnbild für die Mächte der Finsternis, aber auch als Inbegriff der Weisheit.

Der spätere Bundespräsident Weizsäcker erregte die Aufmerksamkeit des DDR-Geheimdienstes, weil er erst als Mitglied im Rat der evangelischen Kirche und dann als Bürgermeister von Westberlin häufig in den Osten fuhr. Auch als Privatmann besuchte Weizsäcker öfter die DDR, etwa, um sich dort ein Theaterstück anzusehen. "Dantons Tod" im Berliner Ensemble zum Beispiel, oder "König Lear" in der Komischen Oper.

Weizsäcker hielt die Stasi auf Trab

Die kulturellen Vorlieben und weitere Details aus Weizsäckers Leben gehen aus den 1293 Seiten Dokumentation hervor, die die Stasi ihrem Beobachtungsobjekt gewidmet hat, wie die Zeitung Die Welt berichtet. Mit Genehmigung Weizsäckers hat die Birthler-Behörde die Akte jetzt freigegeben, inklusive 30 verdeckt fotografierter Bilder. Sobald Weizsäcker die Grenze zur DDR überschritt, setzte sich der Stasi-Apparat in Bewegung. Von 1972 an war der CDU-Politiker zur Fahndung ausgeschrieben, was hieß, dass jeder Grenzübertritt den Behörden gemeldet werden musste. Zwischen 1964 und 1984 soll Weizsäcker 66 Mal "drüben" gewesen sein, vermutlich sogar öfter, in den Unterlagen fehlen Angaben für mehrere Jahre. Angesichts dieser emsigen Reisetätigkeit geriet die Stasi geradezu ins Schwitzen.

Das Ministerium für Staatssicherheit hoffte, Weizsäcker bei einem Satz oder einer Tat zu ertappen, mit der es ihn in Verruf bringen oder erpressen konnte. Zumal er seinen Vater verteidigt hatte, als dieser in Nürnberg als Kriegsverbrecher vor Gericht stand.

Vergehen im Straßenverkehr

Doch trotz aller Akribie fand die Stasi offenbar nichts, was sie hätte gegen Weizsäcker verwenden können. So stehen nach Recherchen der Welt in der Akte eben Beschreibungen von Banalitäten, die oft schwere Verletzungen der Privatsphäre bedeuteten, im Nachhinein aber skurril wirken: Am 1. Januar 1982 zum Beispiel soll er die "Fußgängerampel bei ROT überquert" haben, außerdem sei er im selben Monat "verkehrswidrig von (der) Geradeausspur abgebogen".

Weizsäcker schien sogar eine gewisse Anerkennung bei den Spitzeln zu genießen. Der stellvertretende Spionagechef Werner Großmann notierte, der Christdemokrat Weizsäcker gelte als "intelligenter, nobler, taktisch wendiger, toleranter, fairer, liberal aufgeschlossener, weltoffener, vorurteilsfreier, problembewusster, persönlich integerer, aber eher skeptischer Politiker".

Wenn das Radio stört

In Weizsäckers Verhalten sah das Ministerium für Staatssicherheit keine allzu großen Probleme: "In seinem Auftreten ist er in Fragen antikommunistischer Hetze und Verleumdung, soweit bekannt, zurückhaltend gewesen", heißt es in einem Papier von 1976. Außerdem soll er den Unterlagen zufolge Gespräche mit Menschen, die die DDR verlassen haben, meist relativ schnell beendet haben, schreibt die Welt, und sich auch sonst ziemlich dezent verhalten haben: "Durch sein unauffälliges Äußeres ... wurde von Weizsäcker bei seinen Spaziergängen von der Bevölkerung kaum wahrgenommen. Seine Kleidung war korrekt und altersgerecht." Der Waldkauz trug also ein angenehm tarnfarbenes Federkleid.

Doch die Stasi wäre nicht die Stasi gewesen, wenn sie Weizsäcker nicht trotzdem misstraut hätte. Als er in Dresden kurz vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten den Hof des berühmten Zwinger besichtigte, sollten zwanzig Stasi-Mitarbeiter Touristen-Pärchen mimen, die Gegend wurde mit Fangschaltungen überzogen. Nur sagte Weizsäcker nichts, was interessant gewesen wäre.

Auch ein Abhörversuch im Hotel "Stadt Frankfurt" am 27. August 1982 scheiterte: Bürgermeister Weizsäcker traf sich in seinem Zimmer mit drei Begleitern, um das Programm für den kommenden Tag durchzusprechen. "Da das Radio und der Fernsehapparat sehr laut eingestellt wurden, konnten dem Gespräch nur die Worte Seelower Höhen und Oderbruch entnommen werden." Da hat der Waldkauz die Stasi-Leute wohl durchschaut.