Stasi-Vorwürfe gegen Gregor Gysi "Ich war Anwalt, frech und ging an die Grenzen"

Linke-Fraktionschef Gysi soll zu DDR-Zeiten als Inoffizieller Mitarbeiter für die Stasi spioniert haben. Er weist die Anschuldigungen zurück.

Interview: Franziska Augstein und Heribert Prantl

SZ: Herr Gysi, konnte man als Anwalt in der DDR moralisch sauber bleiben?

Gregor Gysi, Ko-Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, kämpft seit langem gegen den Vorwurf, er sei Stasi-IM gewesen. Seitdem die Birthler-Behörde vor wenigen Wochen weitere Unterlagen freigegeben hat, ist der Streit neu aufgeflammt.

(Foto: Foto: AP)

Gregor Gysi: Man war der Gesellschaft zugehörig, man konnte nicht das Regime wechseln. Ich musste immer versuchen, zu begründen, weshalb es im Interesse der DDR liegt, dass sie meinen Mandanten weniger antut. Eine bestimmte Grenze durfte man nicht überschreiten.

Aber man musste auch den Mut haben, innerhalb des Rahmens bis an die Grenze zu gehen und argumentativ frech zu werden. Außerdem: Ich war ja nicht gegen die DDR, sondern für eine veränderte DDR, ich hatte Kontakte zum ZK. Auch deshalb haben Leute wie Robert Havemann und Rudolf Bahro mich mit ihrer Verteidigung betraut.

SZ: Was war heikler, der Umgang mit Mandanten oder mit staatlichen Stellen?

Gysi: Heikel war der Umgang mit Dritten - mit den Westjournalisten. Da hat ein Kollege einmal in einer Berufung geschrieben, dass er etwas völlig falsch findet. Das stand dann in einer Westzeitung. Der Rechtsanwalt bekam Schwierigkeiten.

SZ: Haben Sie sich abgesichert, indem Sie mit der Generalstaatsanwaltschaft und anderen Stellen gesprochen haben?

Gysi: Nein. Da hätte keiner freiwillig meine Verantwortung übernommen. Wenn ich dem Raoul Gefroy von der Abteilung Staat und Recht im ZK eine Berufungsschrift von mir vorgelegt hätte, wäre die Antwort bloß gewesen: Das ist deine Berufung und nicht meine. Hätte Gefroy die vorher gelesen und abgesegnet, wäre er ja mitverantwortlich gewesen.

SZ: Wie tritt man denn auf im Gespräch mit den Leuten von der Abteilung Staat und Recht des ZK?

Gysi: Man redet natürlich von Genosse zu Genosse. Da sagt man zum Beispiel: "Ich weiß nicht, wie du das siehst - ich habe mir das im Westfernsehen angeschaut: So gut kamen wir nicht dabei weg. Gut, jetzt habt ihr dem Robert Havemann alle Bücher weggenommen und dazu noch 10.000 Mark - das ist ja ein doller Erfolg."

Ich habe über das Ansehen der DDR geredet, habe also gesagt: "Wir wollen doch international gute Beziehungen haben - und gleichzeitig baut ihr immer solche Geschichten, die uns im Ausland schaden." Wichtig war, dass die Leute von der Abteilung das aufschrieben und weiterleiteten zu den höheren Stellen. Ich war zwar privilegiert - mein Vater war immerhin Kulturminister gewesen - aber ans Politbüro kam ich nicht ran.

SZ: Sie sagen, Sie hätten es nicht nötig gehabt, mit der Stasi zu reden, weil Sie sich in wichtigen Fällen ans ZK wenden konnten. Wie erklärt es sich dann, dass die Stasi an Informationen gekommen ist, die von Ihnen stammen? Aus einigen Unterlagen geht hervor: Major Lohr von der MfS-Hauptabteilung XX habe Sie in Ihrer Wohnung besucht. Lohr hat ausgesagt, sich Ihnen als ein Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft namens Lohse vorgestellt zu haben. Trotzdem: Was hatte er in Ihrer Wohnung zu suchen?

Gysi: Der war nie bei mir zu Haus.

SZ: So steht es aber in den Unterlagen.

Gysi: Es steht darin, dass in meiner Wohnung ein Gespräch mit mir geführt wurde, es steht nicht da, von wem. Die Notizen, die Lohr da archiviert hat: Das sind nicht die Gespräche, die er mit mir als Vertreter der Staatsanwaltschaft geführt hat. In Wirklichkeit sind das meine Gespräche mit der Abteilung Staat und Recht.

Lohr kam 1980 zu mir, nannte sich Lohse, und sagte, er habe den Auftrag von der Generalstaatsanwaltschaft, nun, nach Abschluss des Verfahrens gegen Bahro, mit mir darüber zu sprechen, ob das Verfahren der DDR eher genutzt habe oder geschadet habe. Da dachte ich: mein Gott, jetzt beginnt da Vernunft, und habe mit ihm über das Verfahren gesprochen. Lohr hat mich zwei oder drei Mal in meinem Büro besucht, dann ist er nie wiedergekommen.

Lesen Sie auf Seite zwei, was sich in den Unterlagen über eine Stasi-Mitarbeit von "IM Gregor" und "IM Notar" findet.