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Akteneinsicht:Jugend forscht

Mitarbeiterin im Archiv der Stasi Unterlagenbehoerde in Berlin Lichtenberg Berlin 30 07 2013 Berl

"Der Blick in die Stasi-Akten kann dazu beitragen, Gespräche zu führen": Unterlagen im bisherigen Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde in Berlin-Lichtenberg.

(Foto: Thomas Trutschel/imago/photothek)

Nachwende-Kinder setzen sich immer häufiger mit der DDR-Vergangenheit auseinander.

Von Christoph Koopmann

Es habe ihn wirklich interessiert, sagt Johannes Nichelmann, wie das damals gewesen sei mit seinem Großvater. Vor allem: Wie er gewesen ist. Viel haben die beiden nicht geredet, ihr Verhältnis: eher kühl. In der DDR sei der mittlerweile gestorbene Großvater Wissenschaftler gewesen, viel unterwegs, sagt Nichelmann. Er wollte nicht wissen, ob er womöglich für den Staat spioniert hat, sondern vor allem, wer dieser Mann war. Klärung erhoffte sich Nichelmann dennoch aus Unterlagen der DDR-Staatssicherheit. Er war sicher, da müsste es etwas geben. Nichelmann fragte bei der Stasi-Unterlagenbehörde nach. Eine Akte habe es wohl gegeben, war die Antwort, nur sei die nicht auffindbar. Vermutlich vernichtet.

Noch immer gehen bei der Unterlagenbehörde jedes Jahr Tausende Anträge auf Akteneinsicht ein. Viele davon stellen Menschen, die direkt betroffen waren, unter anderem, weil sie selbst ausspioniert worden sind. Seit 2012 können aber auch Angehörige Auskünfte über verstorbene Verwandte erbitten, wie es Nichelmann getan hat.

Noch 2017 lag der Anteil der Erstanträge zur Akteneinsicht über vermisste oder verstorbene Angehörige bei der Stasi-Unterlagenbehörde bei 15,5 Prozent von allen Erstanträgen. Bis 2020 stieg der Anteil auf 19,1 Prozent. Roland Jahn, der nun scheidende Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen, sagt: "Eine neue Generation mit neuen Fragen macht sich bemerkbar."

"Bei uns am Küchentisch wurden früher nur die sonnigen Geschichten über Ostseeurlaube erzählt"

Johannes Nichelmann ist in Ostberlin geboren, im Wendejahr 1989, ausgerechnet. Er war noch ein Kind, als ihm zum ersten Mal dämmerte, dass da etwas gewesen sein muss in der Familie. Im Keller entdeckte er die NVA-Uniform seines Vaters, der, wie er später erfuhr, seinen Wehrdienst an der innerdeutschen Grenze abgeleistet hat. "Er wollte lange nicht darüber reden", sagt Nichelmann. Auch Jahre später sei der Vater sehr skeptisch gewesen, als er mit der Idee ankam, die Stasi-Akte des Opas anzufordern. Erst 2018 sprach Nichelmann lange mit seinem Vater darüber - für ein Buch über junge Menschen, die sich mit ihren Familien und deren Erlebnissen in der DDR auseinandersetzen.

"Bei uns und vielen anderen am Küchentisch wurden früher nur die sonnigen Geschichten über Ostseeurlaube erzählt. In den Medien dagegen hieß es immer nur: Stacheldraht und Stasiknast", sagt Nichelmann. Dass das Leben in der DDR aber ganz unterschiedliche Facetten hatte, schöne wie schlimme, wurde aus seiner Sicht lange zu wenig beachtet.

Diese Einsicht komme erst jetzt so langsam - mitangestoßen durch die junge Generation und ihre Fragen an Eltern und Großeltern. Auch Behördenleiter Roland Jahn sagt: "Der Blick in die Stasi-Akten kann dazu beitragen, Gespräche zu führen, gerade auch in den Familien." Er hoffe, dass die Jungen auch gesellschaftlich einen Diskurs anstoßen, der eine differenzierte Betrachtung der DDR-Zeit ermöglicht. Johannes Nichelmann konnte zwar über die Vergangenheit seines Großvaters nichts mehr in Erfahrung bringen, aber er sagt, das Archiv bleibe auch in Zukunft wichtig, für seine Generation. Für die "Nachwendekinder", wie er sie nennt. "Aber das kann nur ein Puzzleteil von vielen in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit sein."

© SZ/rpr
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