Zweiter Weltkrieg:Wie Russen die Schlacht von Stalingrad erlebten

Lesezeit: 6 min

Russische Soldaten beim Angriff in Stalingrad, 1942 | Russian soldiers during the attack in Stalingrad, 1942

Rotarmisten in Stalingrad 1942

(Foto: Scherl)

Siegen für die Partei: Enorm trieb der Kommunismus die Russen dazu an, Hitlers Wehrmacht zu bekämpfen - das zeigen Zeitzeugenberichte von Sowjets, die Stalingrad überlebt haben. Sie flohen von einem Kellerloch ins nächste und hielten erbittert dagegen, bis sie die "Fritzens" überwunden hatten.

Von Jörg R. Mettke

Das Buch verschlug der Sprecherin des russischen TV-Kanals Westi fast die Sprache: Ein deutscher Historiker in den USA habe es veröffentlicht, rechtzeitig zum siebzigsten Jahrestag der Schlacht von Stalingrad, auf "heißen Spuren" bislang "unbekannten, in Russland gefundenen Materials".

Andere Medien der ehemaligen Sowjetunion zeigten sich über die News aus der eigenen, gut vergessenen Vergangenheit ähnlich verwundert - die Komsomolskaja Prawda in Kiew etwa über den Parteieintritt von 25.000 Menschen während heftigster Kämpfe von August bis Oktober 1942 und das Anwachsen der KPdSU in der Stadt auf 53.500 Mitglieder.

Diese Verwunderung mag Jochen Hellbeck, 46, den an der Rutgers-Staatsuniversität von New Jersey lehrenden Autor, besonders freuen. Denn seine "Stalingrad-Protokolle: Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht" verkünden sieben Jahrzehnte nach dem Ereignis als zentrale Botschaft: Der Partei, ihrem politischen Apparat, ihren Kommissaren sei es eigentlich zu danken, dass die Sowjetunion in Stalingrad und im "Großen Vaterländischen Krieg" siegreich war: Die westliche Forschung habe "die mobilisierende Rolle der Partei in der Roten Armee bislang nicht zur Kenntnis genommen".

Obwohl dieses Verdikt in seiner Absolutheit falsch ist, mag es dennoch nicht ganz falsch sein, in Regionen des massiv nachwirkenden, weil jahrzehntelang mit großer Kelle ausgeteilten Antikommunismus gelegentlich daran zu erinnern, dass die sowjetische Staatspartei in bestimmten historischen Momenten durchaus mehr war als nur ein Verein von Karrieristen, Polit-Kriminellen oder Kader-Bürokraten.

Blick auf die Narben der anderen

Der Nutzen von Hellbecks Veröffentlichung jedoch geht über dieses Memento weit hinaus: Er liegt jenseits runder Jahrestage und Jubiläumsdaten vor allem in dem auf rund 250 Seiten vermittelten Originalton sowjetischer Soldaten, Offiziere, kommunaler Bediensteter, Stadtbewohner, Parteiarbeiter in Stalingrad, festgehalten noch während der Kämpfe im Januar und kurz danach bis zum März 1943. Wie kaum ein anderes Buch in den letzten Jahren erlaubt, ja erzwingt es einen Blick auf die Narben der anderen, der während der Lektüre kaum wieder abzuwenden ist.

In gewisser Weise liefert das Buch damit ein Kontrastprogramm zur derzeit im Neuen Museum zu Berlin gezeigten Ausstellung "Russen & Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur", die den Krieg auf fünf blühende Landschaften ehemaliger Schlachtfelder reduziert.

Das Leid der Soldaten, im Krieg, in Gefangenschaft und danach, wird hier an den Rand der Erinnerung gedrängt: Aus dem Blickwinkel jener, die Geschichte stets eher erleiden als erleben, nimmt sich diese Ausstellung in all ihrer Prächtigkeit eher jämmerlich vergesslich aus. Doch vielleicht sollen dort, wo das Energieunternehmen Eon finanziell für rechte Beleuchtung sorgt, nur die gesehen werden, die noch stets im Lichte standen.

Aber auch bei medialer Geschichtsverwertung, die wie gehabt Kämpfen und Sterben der 6. Armee bis zur letzten Patrone und bis zum letzten aus dem Stalingrader Kessel gerade noch Ausgeflogenen nachgestellt hat, kann es überaus heilsam sein, über ein Menschenalter hinweg in Hellbecks Buch den Bericht der Küchenarbeiterin Agrafena Posdnajkowa zu lesen: wie sie mit ihrem kranken Kind von einem Kellerloch ins nächste flieht, immer wieder von der Front überrollt wird, wie ihr ausgehungerte deutsche Landser das letzte Pfund Weizen wegnehmen und ebenso hungrige Rotarmisten das letzte Stück Brot.

Oder wie Unterleutnant Ilja Bryssin am 28. Oktober 1942 eine schier aussichtslose Position verteidigt, 20 Meter vor dem Feind und 20 Meter hinter der Wolga. Wie alle Normen menschlichen Verkehrs allmählich aufgehoben werden, man den Gegner belauert, ihn hinter einer Ziegelwand atmen hört, ihn ersticht, erschießt, erdrosselt, in die Luft sprengt, um anschließend den Proviant des "Fritzen", seine Waffen, seine Briefe und Dokumente, ja seine Leiche als Trophäen zu nehmen.

Der russische Chronist von Stalingrad

Hellbeck erzählt auch die Geschichte der Protokolle, die von einer sowjetischen Historiker-Kommission unter Leitung des Moskauer Professors Isaak Israiljewitsch Minz vor Ort und mit möglichst geringem zeitlichen Abstand zum Geschehen eingesammelt wurden.

Zivilbevölkerung in Stalingrad, 1942 Scherl / SZ Photo

Eine ausgebombte russische Frau bereitet in den Trümmer von Stalingrad eine Mahlzeit zu. Das Foto entstand Ende 1942.

(Foto: Scherl / SZ Photo)

Methodisch geschult am realistischen Prinzip eines Maxim Gorki - auf Menschen zugehen, ihnen aufs Maul schauen - entstand ein Oral-History-Projekt von beispielhafter Dichte: Viele tausend Seiten Mitschriften von Interviews. Allein über die Kämpfe um Stalingrad wurden 215 Menschen befragt, von kommandierenden Generalen bis zu einfachen Soldaten, von Chefs des Exekutivkomitees bis zur Krankenschwester.

Später sei das Material in Vergessenheit geraten, ja geächtet und nur mit Mühe vor Vernichtung bewahrt worden, weil der Initiator des Sammlung wenige Jahre nach Kriegsende in die Mühlen der antijüdischen Kampagne gegen angeblichen "Kosmopolitismus" geriet. Der treue Stalinist Minz, Jahrgang 1896, Altbolschewik, im Bürgerkrieg politischer Kommissar einer roten Kosaken-Einheit, findet sich plötzlich als Kopf einer feindlichen Gruppe wieder, verliert seinen Lehrstuhl an der Moskauer Staatsuniversität, seinen Einfluss in der Zunft.

Doch eben nur dies. Er fällt, im Vergleich zu anderen von dieser Säuberung Betroffenen, nicht sehr tief, darf am Pädagogischen Institut der Hauptstadt weiter lehren, dessen Professuren bald mehr gelten werden als die der Lomonossow-Universität. Er bleibt in der Akademie und in seiner Akademie-Datscha. Und erweist sich noch in der Ungnade als liebedienerischer Stalinist.

Opfer des Systems sehen anders aus

Denn als die angebliche Verschwörung jüdischer Ärzte zur Ermordung Stalins Ende 1952 den Antisemitismus in der sowjetischen Hauptstadt zum Sieden bringt, wirbt Minz mit zwei weiteren Genossen bei der jüdischen Prominenz um Unterschriften für einen Brief an die Prawda: "Der unheilvolle Schatten der Mörder in den weißen Kitteln", heißt es dort, laste "schwer auf der jüdischen Bevölkerung der UdSSR" - und "abgewaschen werden" könne dieser "schlimme Schandfleck" nur durch eine kollektive Verpflichtung sowjetischer Juden, den fernen Osten des Landes zu besiedeln und urbar zu machen.

Erst in letzter Minute gelingt es dem angesehenen Schriftsteller Ilja Ehrenburg durch einen raffiniert-doppeldeutigen Brief an Stalin, den Abdruck dieser beschämend-devoten Bitte um Deportation durch die zentrale Parteizeitung zu verhindern. - Kurz darauf starb der "große Lehrer".

Minz, der Chronist von Stalingrad, profiliert sich erneut - nun als Kämpfer gegen den Zionismus, erhält einen Leninpreis und den Titel "Held der sozialistischen Arbeit", dient als Lehrstuhlinhaber an der ZK-Akademie für Gesellschaftswissenschaften bis an die Schwelle der Perestroika, 1986. Dieser Teil der Minz-Biografie findet sich bei Hellbeck freilich nicht: Er zeichnet ihn als Opfer des Systems, doch die sehen anders aus.

"Wir verrecken unter der verfluchten Bürokratie"

Auch der von Hellbeck erweckte Eindruck, die Stalingrad-Protokolle seien lange Zeit quasi verschollen gewesen, führt ein wenig in die Irre. Ein altgedienter Sowjethistoriker wie Lev Besymenski, der 1943 die erste Vernehmung des Feldmarschalls Friedrich Paulus in Stalingrad gedolmetscht hatte, beispielsweise wusste stets, wo die Minz-Dokumentation zu finden und wie notfalls Einsicht in sie zu nehmen war: Minz' Kiste war lange ein Geheimtipp unter Moskaus Militärhistorikern.

Deren berufsständische Diskretion mag heute erklären, weshalb die Publikation zunächst nur in deutscher Sprache erfolgt, obwohl doch die Kooperation des von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderten Projekts mit der russischen Akademie der Wissenschaften eigentlich die zeitgleiche Veröffentlichung auch auf Russisch nahegelegt hätte.

Unabhängig von der Frage, ob es nicht sinnvoller und für die Forschung fruchtbarer gewesen wäre, den gesamten von der Minz-Kommission hinterlassenen Steinbruch zugänglich zu machen, statt nur eine Auswahl zu drucken, könnten die "Stalingrad-Protokolle" auch für die Erinnerungsarbeit in Russland wichtige Impulse geben.

Russlands Erinnerungsort

"Erinnerung an diesen Krieg ist das Lackmuspapier in der Auseinandersetzung zwischen dem heutigen Regime und der Opposition", sagte unlängst die Moskauer "Memorial"-Aktivistin Irina Scherbakowa während einer verdienstvollen, vom Deutsch-Russischen Museum Karlshorst in Berlin organisierten Tagung zum Thema "Vernichtungskrieg - Reaktionen - Erinnerung". In ihrer überzeugenden Erklärung, warum das so ist, verwies Scherbakowa darauf, dass "der Große Vaterländische Krieg die Oktoberrevolution bereits in den Sechzigerjahren als zentralen Erinnerungsort abgelöst" habe.

Das erklärt hinreichend die Hektik, mit der Putins Geschichtsstrategen beim Kampf um die Deutungshoheit in die Heldenverehrung der Ära Breschnew zurückfallen. Es erklärt aber auch deutsch-russische Ungleichzeitigkeiten in der Stalingrad-Betrachtung.

Hellbeck unternimmt es in seiner Analyse, den Politruk - den per Hitler-Befehl vom Juni 1941 zur sofortigen Ermordung freigegebenen politischen Kommissar der Roten Armee - am Beispiel Stalingrads postum zu rehabilitieren: "Die politischen Offiziere (. . .) zeigten, wie man über sich hinauswuchs."

In Russland dagegen ist Wassili Grossmans großartiges Stalingrad-Epos "Leben und Schicksal" - das erst 1988 in der UdSSR erschien - derzeit in aller Munde. Der Regisseur Sergej Ursuljak hat es höchst erfolgreich in einen TV-Mehrteiler transponiert und mit äußerst distanziertem Blick auf Polit-Offiziere inszeniert. Im siebzigsten Jahr nach Stalingrad ist Russland hingerissen vom anarchistischen Kommandeur Grekow und seinem großen Satz: "Wir verrecken nicht unter deutschen Panzern, sondern unter unserer verfluchten Bürokratie."

Jochen Hellbeck: Die Stalingrad-Protokolle. Sowjetische Augenzeugen berichten aus der Schlacht. Übersetzung der Protokolle aus dem Russischen von Christiane Körner und Annelore Nitschke. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2012. 608 Seiten, 26 Euro.

Der Journalist Jörg R. Mettke arbeitet seit 1987 als Russland-Korrespondent; er lebt teils in Moskau, teils in Berlin.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema