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Kalter Krieg:Stalins zögerlicher Machtpoker

Josef Stalin

Josef Stalin Josef Stalin, sowjetischer Politiker.

(Foto: SCHERL)

Der Historiker Norman Naimark schildert detailreich die Nachkriegs-Politik des sowjetischen Diktators. Sie hatte vor allem ein Ziel.

Rezension von Jost Dülffer

"Dieser Krieg ist nicht wie in der Vergangenheit. Wer immer ein Gebiet besetzt, erlegt ihm auch sein eigenes System auf. Jeder führt sein eigenes System ein, soweit seine Armee vordringen kann. Es kann gar nicht anders sein."

Diese Worte will der jugoslawische Politiker Milovan Djilas 1945 von Josef Stalin gehört haben; er gehört seither zu den meistzitierten Sätzen zur Erklärung der sowjetischen Osteuropapolitik nach dem Zweiten Weltkrieg. Danach gab es einen Masterplan, der schlüssig umgesetzt wurde. Als Djilas das 1962 schrieb, hatte er allerdings mit dem Kommunismus gebrochen und lebte im Ausland.

In der Forschung ist das Bild des vorausdenkenden und überlegenen sowjetischen Strippenziehers schon lange in Frage gestellt worden. Norman Naimark, Stanford-Professor und auch bei uns ein angesehener Kenner Osteuropas, ist in diesem Sinne der Überzeugung, einen solchen vorgedachten Plan für die Nachkriegszeit habe es nicht gegeben.

Langfristige Ziele eines kommunistischen Europas oder der ganzen Welt und konkrete Politik seien es etwas anderes. Mit einem solchen Urteil steht Naimark in einer seit Jahrzehnten vertretenen und erhärteten Deutungslinie. Aber auch die Gegenseite etwa aus der Richtung Djilas behauptet sich medial nachdrücklich, indem sie die westlichen Deutungsmuster aus der Zeit des Kalten Krieges wiederholt und die damaligen ideologischen Ansprüche des "Weltkommunismus" für bare Münze nimmt. Gerade im Zeichen heutiger Geschichtspolitik sind nüchterne und differenzierte Analysen wie diese wichtig.

Naimark wählt sieben Fälle aus, die er mit breiter Sachkenntnis nüchtern darlegt. Die Rote Armee eroberte die dänische Insel Bornholm in der Ostsee in den letzten Kriegstagen im Mai 1945 von den Deutschen zurück. Aber eine vorsichtige dänische Politik veranlassten die Russen, ein Jahr später einvernehmlich abzuziehen. Finnland hatte auf deutscher Seite im Zweiten Weltkrieg gekämpft, schloss aber schon im September 1944 einen separaten Waffenstillstand mit der Sowjetunion.

Marschall Carl Gustav Mannerheim und sein Ministerpräsident Juho Paasikivi schafften es jedoch, durch außenpolitische Anlehnung an die Sowjetunion sicherzustellen, dass ihr Land nicht zur Basis für die Westmächte wurde, aber es blieb eine Demokratie.

Daran änderten auch territoriale Abtretungen und harte Reparationen nichts. Naimark betont, dass es Stalin in Osteuropa vielfach um einen genuinen Zwischentyp zwischen sowjetischem Herrschaftsmodell und westlicher Demokratie ging, man nannte ihn Volksdemokratie.

Gerade für Berlin wird deutlich, wie zögerlich Stalin agierte

Am spannendsten ist wohl der Fall Polen, wo sich der sowjetische Diktator wiederholt gegen eine zu weitgehende gesellschaftliche Umgestaltung aussprach. Hier wurden die innerkommunistischen Debatten und Intrigen etwa zwischen Władysław Gomułka und Bolesław Bierut wichtig, die um Moskaus und der (1947 wiederbelebten) Kominform Gunst buhlten.

Gomułka, heftig antisemitisch agierend, verteidigte lange einen eigenen polnischen Weg zum Sozialismus, wurde schließlich 1951 verhaftet, erhielt keinen Schauprozess mehr - aber wurde 1956 nach den Posener Unruhen erneut zum Parteichef bestellt.

In Italien gab es eine starke kommunistische Partei, die vor allem aus ehemaligen Partisanen bestand. Unter diesen gab es Tendenzen zu einer Machtübernahme mittels Putsch (wie er im März 1948 tatsächlich in Prag stattfand).

Parteichef Palmiro Togliatti und Stalin bremsten diese jedoch und setzen auf parlamentarischen Sieg. Massive US-Unterstützung für andere Parteien führte bei den Wahlen im April 1948 zu einer nachhaltigen Enttäuschung dieser Erwartungen. Ähnliches wird am Rande für die französische Entwicklung angedeutet. Der Fall Albaniens deckt nuanciert die komplexe Situation in ganz Südosteuropa ab.

Die Geschichte der Berliner Blockade 1948/49 und die der österreichischen Entwicklung bis hin zum Staatsvertrag aller vier Siegermächte 1955 sind bei uns am besten bekannt.

(Foto: Verlag)

Gerade für Berlin wird deutlich, wie zögerlich Stalin agierte. Ausgelöst von der (wirtschaftlich erforderlichen) Währungsreform im Westen, die auch für West-Berlin galt, wollte der Diktator die Gründung eines Weststaates verhindern, vielleicht auch ganz Berlin seinem Machtbereich einverleiben.

Genau diese Gründung der BRD verhinderte die erpresserische Methode der Blockade nicht. Für Österreich wiederum verfolgte Stalin keinen konsistenten Plan, schwankte zehn Jahre zwischen diesen und jenen Vorschlägen, bis schließlich überraschend spät der Truppenabzug aller Seiten und die Neutralität 1955 erlangt wurden.

All das ist nicht grundsätzlich neu. Dass die Brutalität sowjetischer Machtdurchsetzung und gesellschaftlicher Umgestaltung anderswo in Osteuropa - etwa in Rumänien und Bulgarien - anders vonstattengingen, ist auch Naimark bewusst. Über die asiatische Politik von der Türkei bis China handelt die Studie nicht.

Gewiss beschränkt sich der Autor weitgehend auf die präzise Rekonstruktion der Diskussionen und Entscheidungen in den kommunistischen Führungsgremien in der Sowjetunion und den anderen europäischen Staaten und schreibt so eine nach wie vor nützliche Politikgeschichte. Und er macht deutlich, welchen Einfluss regionale Kommunisten, aber auch "bürgerliche" Politiker überall in Europa auf den Gang der Dinge hatten.

Vor allem sollten die USA von einem dauerhaften Engagement in Europa abgehalten werden

Vor allem ging es dem sowjetischen Diktator darum, die USA von einem dauerhaften Engagement in Europa abzuhalten, aber nicht unbedingt dort überall eigene Herrschaft durchzusetzen. Wie Naimark selbst abschließend betont, liefert dieser Band ein differenziertes Bild, um in den gegenwärtigen Erinnerungskulturen und deren politischer Instrumentalisierung eine nüchterne sachliche Basis zu schaffen.

Gerade in den früheren kommunistischen Staaten gehe es darum, weder die Nostalgie des Wiederaufbaus von Gesellschaften und Familien zu stützen, noch, wie es häufiger geschehe, die Nachkriegszeit in den dunkelsten Farben als Zeit der Gewalt und kommunistischer Exzesse und dem vergeblichen Kampf um Unabhängigkeit zu verzerren.

Diese historische Aufklärung durch Differenzierung ist gerade angesichts geschichtspolitischer Verkürzung zum 75. Jahrestag des Kriegsendes nicht nur in Russland sehr angebracht.

Norman M. Naimark: Stalin and the Fate of Europa. The Postwar Struggle for Sovereignty. Harvard University Press, Cambridge 2019. 361 Seiten, 27 Euro.

© SZ vom 13.07.2020/odg
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