Stämme im Irak Sunniten zwischen IS-Terror und der Angst vor den Schiiten (2014-2015)

Einige sunnitische Stämme haben sich jedenfalls gegen die Machtübernahme des IS gestellt - und müssen dafür erleben, dass Hunderte ihrer Angehörigen massakriert werden. Sie bekämpfen den IS, selbst wenn sie damit die verhasste Regierung in Bagdad unterstützen. Bereits Ministerpräsident Maliki war auf sie zugegangen und hatte einige Stämme mit Waffen und Munition versorgen lassen. Die neue Regierung, die seit September 2014 unter dem schiitischen Ministerpräsidenten Haidar al-Abadi im Amt ist, hofft ebenfalls auf den Widerstand der Stämme. Seit einiger Zeit sind auch die Amerikaner wieder im Gespräch mit Vertretern von Stämmen, die bereits als "Sahwa"-Koalition in den Jahren 2006 bis 2008 die Vorgänger des IS geschlagen hatten.

Auf der Münchner Sicherheitskonferenz Anfang Februar sagte Ministerpräsident Abadi, in der Provinz Anbar seien bereits 4000 sunnitische Stammeskämpfer im Einsatz gegen den IS. Auch an der Offensive, mit der Bagdads Soldaten die Stadt Tikrit vom IS befreien wollen, sind sunnitische Milizen beteiligt. Ministerpräsident Abadi hat den lokalen Clans, die den IS bislang noch unterstützen, eine Amnestie versprochen, wenn sie sich gegen den "Kalifen" und seine Leute wenden.

Entgegen kommt ihnen dabei, dass der "Islamische Staat" mit seiner Schreckensherrschaft und den ständigen Kämpfen offenbar zunehmend auch die Loyalität von Menschen verliert, die ihn bisher unterstützt oder zumindest als Alternative zu Bagdad ausgehalten haben. Dafür sprechen die brutalen Repressionsmaßnahmen, auf die der IS inzwischen sogar gegen eigene Leute zurückgreift. So sollen mindestens 120 eigene Kämpfer bereits als Deserteure hingerichtet worden sein.

Doch es gibt ein großes Problem: Die Regierungstruppen werden von teils brutalen schiitischen Milizen unterstützt. In Gebieten, die der Kontrolle des IS entrissen wurden, haben Angehörige solcher Milizen unter Sunniten bereits Massaker angerichtet.

Schiitische Milizen kämpfen an der Seite der Armee, um die Stadt Tikrit vom IS zu befreien. Die sunnitische Bevölkerung fürchtet die Schiiten.

(Foto: REUTERS)

"Wir wissen, dass es sunnitische Stammesführer gibt, die den IS nicht mögen", sagte Nahost-Experte Kenneth Pollack von der US-Denkfabrik Brookings Institution dem Magazin Time. "Aber es gibt andere sunnitische Scheichs, die die schiitischen Milizen mehr fürchten als den IS." Die Haltung der Stämme sei langfristig ausschlaggebend. Wenn die die Besetzung Tikrits durch die Armee nicht akzeptierten, würden sie kämpfen - allein oder gemeinsam mit dem IS. "Das wäre katastrophal für den Irak. Dann würde eine Kampagne der Regierung gegen den IS zu nichts anderem führen als zu einem Krieg zwischen schiitischen und sunnitischen Milizen."