Stämme im Irak Der IS als Verbündeter der sunnitischen Demonstranten (2012-2014)

Ramadi im März 2013: Demonstrationen gegen die Regierung in Bagdad

(Foto: REUTERS)

Der Aufstand der Sunniten in Syrien 2011 befeuert den Widerstand gegen die irakische Regierung. Seit 2012 kommt es in vielen Städten wie Mossul, Kirkuk, Tikrit und selbst Bagdad zu friedlichen Demonstrationen von Sunniten für mehr politischen Einfluss und mehr Arbeit. Besonders groß sind die Proteste in den sunnitischen Städten Ramadi und Falludscha. Protestcamps werden errichtet. Wieder hat die Regierung dort und in Mossul keine echte Kontrolle mehr.

Für Premier Maliki sind die Demonstranten allerdings nur Terroristen und Anhänger der Baath-Partei von Ex-Diktator Hussein. Die Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und Sicherheitskräften werden immer stärker von Gewalt geprägt. Bei Zusammenstößen zwischen Sunniten und Schiiten sterben nach Angaben der UN allein 2013 insgesamt etwa 7800 Menschen.

Der Konflikt bildet für al-Baghdadi die Gelegenheit, seinen Einfluss im Irak auszuweiten. Und die islamistischen Terroristen setzen nun offenbar stärker auf die Zusammenarbeit mit den verbitterten sunnitischen Interessengruppen - den sunnitischen Stämmen und den im Untergrund noch immer aktiven Baathisten. Von den Regierungsgegnern sehen offenbar viele im IS einen Verbündeten gegen die Schiiten - selbst wenn sie selbst keine religiösen Fundamentalisten sind.

IS-Kämpfer im Juni 2014 in der Stadt Samarra

(Foto: AFP/Welayat Salahuddin)

Berichte aus den von IS-Kämpfern eroberten Städten wie Ramadi oder Falludscha - Mossul wurde vom Isis sogar schon 2013 weitgehend kontrolliert - deuten darauf hin, dass die IS-Kämpfer sich anfänglich in die Auseinandersetzungen zwischen den Sicherheitskräften und den lokalen Stammeskriegern und Baathisten einmischen.

Wegen der Erfolge der kriegserfahrenen Terrormiliz schließen sich ihnen zunehmend Kämpfer an oder verbünden sich mit ihnen gegen den gemeinsamen Feind. Viele Sunniten dürften einfach erleichtert sein, den Druck durch die Regierung in Bagdad los zu sein. Selbst der Scheich Emir Ali Hatim al-Suleiman vom Duleimi-Clan - einem der wichtigsten im Irak - bestätigt Zeit online zufolge, dass Angehörige seines Stammes mit IS-Kämpfern gegen die Regierung kämpfen.

März 2014 - Falludscha unter Kontrolle des "Islamischen Staates"

(Foto: AP)

Wo die Sicherheitskräfte besiegt, massakriert oder verjagt werden, gelingt es den IS-Anführern offenbar, die politische und religiöse Kontrolle zu übernehmen. Dabei setzt der IS nicht alle lokalen Stammesführer mit Gewalt ab, sondern bemüht sich offenbar, einige als lokale Autoritäten in die politischen Strukturen des "Islamischen Staates" zu integrieren. Da die sunnitischen Stämme in erster Linie an ihre Stammesinteressen denken, und sich weniger für die Integrität eines irakischen oder syrischen Nationalstaates interessieren, haben viele mit einem Gebilde wie dem IS offenbar kein prinzipielles Problem.

Anhänger des IS in der Stadt Mossul 2014

(Foto: AP)

Offen ist allerdings, wie groß die Bereitschaft der irakischen Bevölkerung ist, sich nun dem wachsenden Druck der islamistischen Extremisten zu beugen, die Dieben die Hände abschlagen lassen wollen, Anders- oder vermeintlich Ungläubige in großer Zahl exekutieren und Frauen in die Häuser verbannen.