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Städte:Kein Platz für Kinder

In vergangenen halben Jahr starben zwei allein radelnde Kinder beim Zusammenstoß mit einem Lkw. Städte und Kommunen müssen dringend sicherer werden - auch und vor allem für Kleine.

Von Meredith Haaf

Es hat nie ein Bullerbü gegeben. Dieses idyllische Dorf, in dem sieben Kinder und ihre netten Erwachsenen wohnen, wo das gefährlichste Wesen ein unfreundlicher Ziegenbock ist, wurde von Astrid Lindgren vor gut 70 Jahren erfunden. Trotzdem bekommen viele deutsche Mittelschichtseltern bei dem Wort leuchtende Augen. Eine "Bullerbü-Kindheit", also die naturnahe, provinzielle Freilaufjugend, ist auch und ganz besonders zurzeit ein Leitbild für das, was viele für ein gelingendes Aufwachsen halten.

Allerdings hat dies mit der Realität von immer weniger Familien etwas zu tun. Im Jahr 2050, schätzt das Kinderhilfswerk Unicef, werden sieben von zehn Kindern urban aufwachsen. Schon heute lebt etwa jeder zweite Mensch weltweit in einer Stadt. Es ist also zukunftsweisend, dass Unicef dieser Tage in Köln einen internationalen Gipfel veranstaltet zu der Frage, wie Kommunen kinderfreundlicher werden können. Zum Abschluss werden Politiker, Experten und viele jugendliche Teilnehmer an diesem Freitag gemeinsame Empfehlungen geben.

Diese sollten sich Stadtpolitiker genau ansehen. Denn auch wenn immer mehr Kommunen sich derzeit sehr um umwelt- und verkehrspolitische Fortschritte bemühen: Aus der Perspektive einer Ein-Meter-20-Person gehört die Stadt den Großen und funktioniert nach deren Prioritäten. Kindheit findet heute zwischen Massen von gestressten Erwachsenen in Pkws, auf E-Rollern und in U-Bahnen statt. Kein einziges Kind etwa profitiert von der individuellen E-Mobilisierung, im Gegenteil: Die Gerätschaften, die überall herumstehen, bilden nur neue Hindernisse und nehmen Platz zum Rennen, Rollern oder Radeln weg. Die Luft, die Stadtkinder einatmen, riecht nicht nach Flieder oder Heu, sondern nach Abgasen und Müllladungen, und solange die Innenstädte nicht autofrei werden, wird das so bleiben. Apropos Abfall: Nicht in Deutschland, aber in viel zu vielen Ländern spielen die Kleinsten auf Müllhalden und nicht zwischen Wiesen und Wäldern.

Das ist mehr als unidyllisch. Es ist lebensgefährlich. Beispiel Verkehr: Im vergangenen halben Jahr wurden in Deutschland mindestens fünf neunjährige Kinder auf Rädern von Lkws erfasst, allein im Oktober starben ein Mädchen in Leverkusen und ein Junge im Schwarzwald. Sie waren in diesem magischen Alter, in dem Kinder beginnen, sich selbständig zu bewegen, eigene Räume zu erobern. Sie erleben in dieser Zeit neue Abenteuer. Berufstätige Eltern erleben Entlastung: endlich nicht mehr zwischen Arbeitsplatz, Supermarkt und Betreuung hin und her hetzen, denn der Nachwuchs kann die Wege nun allein zurücklegen. Doch einfach ist es nicht, der Welt das Liebste, was man hat, anzuvertrauen. Und solche Nachrichten machen es richtig schwer.

Wer sich für Familienpolitik verantwortlich fühlt, sollte daher auf die Unicef-Empfehlungen achten. Familienleben ist heute von Städten geprägt. Für Eltern ist es eine unerträgliche Belastung, wenn sie ihren Nachwuchs im eigenen Umfeld nicht sicher wissen. Wer Vereinbarkeit von Familie und Beruf will, muss für Straßen und Plätze sorgen, auf die Eltern ihre Kinder beruhigt schicken können. Nicht nur in Vorstädten und Reihenhaussiedlungen. Eine kinderfreundliche Stadt wäre keine bullerbühafte Wohlfühlfantasie. Sondern ein Ort, der das Leben für alle leichter, freundlicher, sicherer macht, egal wie alt oder jung.

© SZ vom 18.10.2019
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