bedeckt München

Manipulationsvorwürfe:Einfach laufen lassen

Ex-VW-Chef Martin Winterkorn und Ex-Audi-Chef Rupert Stadler

Verantwortlich für einen Mega-Skandal? Der frühere Audi-Chef Rupert Stadler (links) und Ex-VW-Boss Martin Winterkorn.

Der einstige Audi-Chef Rupert Stadler bestreitet entschieden, dass er früh von Tricksereien mit Dieselautos wusste. Doch ein Mitangeklagter könnte ihn schwer belasten.

Von Thomas Fromm, Max Hägler und Klaus Ott

Für einen wie ihn, der sein halbes Leben lang um die Welt jettete, stets zwischen Paris und Genf, Las Vegas und Miami unterwegs war, von Hotel zu Hotel und von Autosalon zu Autosalon zog, für so einen wie ihn muss die Szenerie an der Justizvollzugsanstalt Stadelheim im Münchner Osten unwirklich erscheinen. Vielleicht sogar: furchteinflößend. Der langjährige Audi-Chef Rupert Stadler, der mehr als ein Jahrzehnt in Ingolstadt von der Piazza aus den Autobauer regierte, mag schon vieles gesehen haben. So etwas aber, so nah, so eiskalt, vielleicht doch noch nicht.

Links ein Wachturm, von dem aus Justizbeamte die hohe Betonmauer im Blick behalten können. Dazwischen ein dunkelgraues Häuschen mit schweren Türen. Von hier aus führt eine Treppe hinunter zu dem Saal, in dem von kommendem Mittwoch an einer der größten Wirtschaftsprozesse der jüngeren deutschen Geschichte verhandelt wird: die Abgasmanipulation bei Audi-Autos. Und ausgerechnet er, der Bauernsohn, der auf einem Hof im bayerischen Titting im beschaulichen Altmühltal aufwuchs, macht jetzt den Anfang.

Fünf Jahre nach der Enthüllung der millionenfachen Abgasmanipulation durch die US-Umweltbehörde EPA müssen sich erstmals Manager aus dem Volkswagen-Konzern vor einem deutschen Gericht verantworten. Die Anklage wirft Stadler, dem früheren Audi- und Porsche-Manager Wolfgang Hatz sowie zwei weiteren Ingenieuren Betrug, mittelbare Falschbeurkundung und strafbare Werbung vor. Mit anderen Worten: Stadler, der den Vorwürfen zufolge spätestens seit Ende September 2015 von den Abgas-Manipulationen bei Audi-Dieselmotoren gewusst haben soll, habe den Verkauf der Autos wider besseres Wissen nicht gestoppt. Er habe einfach weiterverkauft, als ob nichts wäre - dabei war der Skandal um manipulierte Abgase bei Dieselmodellen aus dem VW-Konzern bereits Mitte September 2015 entdeckt worden; spätestens danach hätte der heute 57-Jährige Diesel-Verkäufe verhindern müssen.

So der Verdacht. Dass nun in diesem abgeschirmten Ort am Münchner Stadtrand verhandelt wird, ist nicht der Gefahrenlage bei VW geschuldet. Alle vier Angeklagten befinden sich auf freiem Fuß. Es ist schlicht einer der größten Räume, den das Landgericht München II in Zeiten der Corona-Pandemie zur Verfügung hat. Aber es ist doch symbolisch. Drei der Angeklagten waren bereits in Untersuchungshaft. Und besonders Stadler hat dabei bereits erfahren, wie heftig die Staatsanwaltschaft zur Sache geht. Im Nachhinein betrachtet war das ein Vorgeschmack auf den Prozess.

Alles nur ein Missverständnis?

Mehrere Tage lang hatte sich Stadler Mitte 2018 im Gefängnis in Augsburg-Gablingen vernehmen lassen; Frage auf Frage prasselte auf den Automanager nieder. Die Staatsanwaltschaft verdächtigte den damaligen Audi-Chef, er habe einen möglichen Zeugen aus dem Unternehmen beurlauben und so die Ermittlungen behindern wollen. Wenn Stadler aus Sicht der Staatsanwaltschaft ausweichend antwortete, hakten die Strafverfolger umgehend nach. Die Ermittler hatten den Eindruck, der Autoboss mauere. Frage, Antwort, Frage, Antwort, es ging zeitweise heftig hin und her. Einmal fragte einer der Ermittler, ob ihm Stadler jetzt eine Antwort geben wolle. Stadler entgegnete, das habe er doch schon getan. Mitunter musste sein Anwalt Thilo Pfordte eingreifen und die Strafverfolger bitten, seinen Mandanten nicht falsch zu verstehen.

Die Stimmung war gereizt. Stadler selbst sagte auch schon mal, die Ermittler interpretierten ihn falsch. Also alles nur ein Missverständnis? Einer, der Stadler indirekt schwer belastet, sitzt mit auf der Anklagebank. Der Ingenieur Henning L., ehedem Leiter des Bereichs Abgasnachbehandlung bei Audi, der das interne Kürzel N/EA-631 trägt. L. hat den Ermittlern viel erzählt. Etwa dass Audi nach den US-Enthüllungen noch etliche Monate lang versucht habe, die eigene Verwicklung in die Affäre zu vertuschen. Dass man den US-Behörden hanebüchenen Blödsinn und Lügengeschichten erzählt habe. Dass Stadler dafür verantwortlich gewesen sei, hat der frühere N/EA-631-Leiter bei seinen Vernehmungen nicht gesagt. Aber immerhin, dass der Vorstandschef viel zu spät agiert habe.

Die Staatsanwaltschaft lastet Stadler an, nach Beginn der Affäre im September 2015 habe er noch 120 000 manipulierte Diesel-Autos in Europa verkaufen lassen. Für die Nachrüstung dieser Fahrzeuge habe Audi 27,5 Millionen Euro aufwenden müssen; diesen Schaden habe der Vorstandschef verursacht. Aus einem vom Gericht zusätzlich eingeholten Gutachten lässt sich ableiten, die betreffenden Autos könnten 300 Millionen Euro weniger wert gewesen sein.

Die übrigen Angeklagten sollen gar für einen Milliardenschaden verantwortlich sein. Die Taktik der Ermittler ist klar: Henning L. - er hat von Anfang an umfassend ausgesagt und war als Einziger nicht in U-Haft - und sein Ingenieurskollege Giovanni P. haben bei den Ermittlungen kräftig geplaudert und sollen das auch vor Gericht tun. Sie sollen Hatz und Stadler schwer belasten. Hennig L. und Giovanni P. sollen sich einen Bonus erarbeiten, in der Hoffnung, nicht ins Gefängnis zu müssen. Vier einstige Arbeitskollegen als Gegner auf der Anklagebank, das also ist die etwas groteske Lage bei Gericht.

Hatz und Stadler weisen seit jeher sämtliche Vorwürfe rundweg zurück. Sie haben das in vielen Vernehmungen getan und werden das bestimmt bei Gericht wiederholen. Stadler hat sich bei den internen Untersuchungen bei Audi als getäuschtes Opfer dargestellt. Der Aufklärungsprozess bei Audi sei für ihn mit vielen persönlichen Enttäuschungen verbunden gewesen, soll der Ex-Audi-Chef gesagt haben. Und er soll über einen wiederholten Vertrauensbruch ihm gegenüber geklagt haben. Die Wahrheitsfindung dürfte mindestens zwei Jahre dauern, das Gericht hat 181 Verhandlungstage angesetzt. In Stadelheim wird Stadler auch alten Weggefährten aus dem Konzern und aus der Familie Piëch begegnen, die als Zeugen benannt sind. Die Familie war es, die lange zu ihm hielt.

Viele fragen sich heute, warum sich Rupert Stadler eigentlich so lange oben halten konnte. Erst 2018, nach fast zwölf Jahren an der Audi-Spitze, trennte sich VW von ihm. Eine der Erklärungen geht so: Der Manager stand unter besonderer Protektion von Konzernpatriarch Ferdinand Piëch, dem Großaktionär und langjährigen VW-Vorstands- und Aufsichtsratschef. Stadler, der 1990 zu Audi gekommen war, setzte 1997 zum wahrscheinlich folgenreichsten Sprung seiner Karriere an: Er wurde Piëchs Büroleiter in Salzburg.

Damit hatte er bei dem mächtigsten Menschen angedockt, den es in dem weitverzweigten Unternehmen geben konnte. Wer als junger Mann den Konzern und seine Mechanismen verstehen wollte - von Piëchs Generalsekretariat aus ging dies am besten. Wie nah sich Stadler und der inzwischen verstorbene Piëch wohl waren, zeigt ein Detail: Der hatte dem Manager auch die Verwaltung seiner milliardenschweren Stiftungen anvertraut.

© SZ vom 26.09.2020
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