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Deutschland:Die Arbeit der Kirchen ist für viele Privatsache

Doch dieser Konsens ist zunehmend brüchig. Ein Drittel der Deutschen ist mittlerweile konfessionslos. Unter diesen Konfessionslosen verstehen viele das, was die Kirchen tun, nicht mehr als wünschenswerten Beitrag zum Wohl der Gemeinschaft, sondern als Privatsache - und damit die Vorteile für die Kirchen als ungerechte Privilegierung. Die Kirchen haben ihrerseits zu diesem Bild beigetragen, durch intransparente Kirchenfinanzen, Geschichten über Lohndrückerei oder von Angestellten, die ihre Stelle verlieren, weil sie als Geschiedene wieder geheiratet haben.

Und dann ist da noch der Islam als neue Religion in Deutschland sichtbar geworden. Wie mit ihr umgehen? Das Argument der Laizisten lautet: Statt mühsam und mit viel Geld Lehrstühle für islamische Theologie zu errichten, einen islamischen Religionsunterricht einzuführen und muslimischen Sozialträgern auf die Beine zu helfen, ist es einfacher und gerechter, wenn auch die Christen all dies nicht mehr staatlich gefördert bekommen. So begründete die damalige SPD-Justizministerin Brigitte Zypries 2009 ihre Forderung nach einer stärkeren Trennung von Kirche und Staat.

Miteinander von Staat und Religionsgemeinschaften hilft der Integration

Bei der SPD gründete sich 2011 eine laizistische Gruppe um die Bundestagsabgeordneten Ingrid Matthäus-Maier und Rolf Schwanitz; der SPD-Bundesvorstand jedoch lehnte einstimmig die Anerkennung als Arbeitskreis ab. Einer 2014 gegründeten Gruppe "HumanistInnen und Konfessionsfreie in der SPD" werden bessere Chancen eingeräumt. Einen Schritt weiter sind die Grünen. Eine Kommission "Weltanschauungen, Religionsgemeinschaften und Staat" hat im März einen Bericht vorgelegt, der nun weiter diskutiert werden soll. Der Bericht empfiehlt, die Bindung von Staat und Kirchen beizubehalten, das Verhältnis aber zu reformieren, zum Beispiel beim Arbeitsrecht oder der Kirchensteuer. Die muslimischen Gemeinschaften sollen möglichst integriert werden.

Das Miteinander von Staat und Religionsgemeinschaften hilft der Integration, das ist auch eins der wichtigsten Argumente der Gegner einer Trennung von Staat und Kirchen bei den Linken. Den Muslimen "wäre mit einer Verfassung, die Minderheitenreligion, Minderheitenethnien oder Minderheitenweltanschauungen schützt", besser gedient als mit einem zwanghaften Laizismus, schreibt der alt-katholische Theologe Franz Segbers an den Bundesvorstand; Segbers ist Sprecher der Arbeitsgemeinschaft "Linke Christinnen und Christen in Hessen". Und überhaupt: Auf die religionspolitischen Herausforderungen der Gegenwart antworte der Antrag aus Sachsen mit "Vorstellungen des 19. Jahrhunderts".

Streng getrennt

In Frankreich ist die Trennung von Staat und Kirche seit 1905 gesetzlich festgeschrieben. Artikel 1 des Gesetzes garantiert jedem Bürger die ungehinderte Ausübung seiner Religion im Rahmen der öffentlichen Ordnung. Artikel 2 schreibt vor, dass der französische Staat Religionsgemeinschaften weder anerkennt, noch finanziert, noch subventioniert. In Frankreich gibt es keinen staatlichen Religionsunterricht, das Tragen von religiösen Symbolen ist auf dem Schulgelände untersagt. Religionsgemeinschaften müssen sich in Form privatrechtlicher Vereine organisieren und haben gegenüber dem Staat keinerlei Ansprüche. SZ