Umsturz in Sri Lanka:Nachtflug auf die Malediven

Lesezeit: 3 min

Demonstranten vor einem Regierungsgebäude in Sri Lankas Hauptstadt Colombo.

Demonstranten vor dem Gebäude mit dem Büro von Präsident Rajapaksa in Sri Lankas Hauptstadt Colombo.

(Foto: Abhishek Chinnappa/Getty Images)

Präsident Gotabaya Rajapaksa ist außer Landes geflohen. Er hinterlässt den Inselstaat in Aufruhr und ohne Nachfolger.

Von David Pfeifer, Bangkok

Die Menschen in Sri Lanka folgen der Präsidenten-Familie mittlerweile eher wie Darstellern in einer Reality-Seifenoper: Ist Gotabaya Rajapaksa noch da, ist er schon weg? Hat er seinen Rücktritt unterzeichnet, vielleicht mit einem goldenen Füllfederhalter? Am Dienstag überschlugen sich die Nachrichten in rascher Folge: Präsident Rajapaksa habe versucht, das Land zu verlassen, um einer Verhaftung nach seinem Rücktritt zu entgehen, die USA hätten ihm ein Visum verweigert. Er sei am Flughafen zurückgeschickt worden, wie auch zwei seiner Brüder.

Der Stand von Mittwochmittag: Noch-Präsident Gotabaya Rajapaksa ist in Malé, der Hauptstadt der Malediven, gelandet. Seinen ebenfalls für Mittwoch angekündigten Rücktritt hat er allerdings bislang nicht unterzeichnet, vermutlich um sich weiterhin auf Immunität berufen zu können, sollte er angeklagt werden. In Colombo wurde die Nachricht mit Jubel aufgenommen, Premierminister Ranil Wickremesinghe rief den Notstand aus, nachdem mehrere Hundert Menschen in Colombo versuchten, an den Sicherheitskräften vorbei über die Zäune zu klettern, um sein Büro zu stürmen.

Wickremesinghe agiert nach Rajapaksas Flucht als Staatsoberhaupt, hat aber ebenfalls seinen Rücktritt angeboten. Die Polizei feuerte Tränengas ab und ein Militärhubschrauber kreiste über dem Gelände. Die Stimmung in der Hauptstadt von Sri Lanka ist von Wut und Euphorie geprägt. Einerseits fühlt sich die Vertreibung des Rajapaksa-Clans wie ein Sieg an. Andererseits weiß nun niemand, wie es mit dem Inselstaat und seinen 22 Millionen Einwohner weitergehen soll.

Der Rajapaksa-Clan wird für den Bankrott des Landes verantwortlich gemacht

Als sich die Nachricht von der Flucht des Präsidenten verbreitete, versammelten sich Tausende Menschen auf dem Hauptprotestplatz in Colombo und skandierten auf Singhalesisch "Gota Hora" - "Gota Dieb". Gota ist die Kurzform von Gotabaya, es ist ein Slogan des Protests seit Anfang April. Vor Monaten sind dem Land die Devisen ausgegangen, Treibstoff, Lebensmittel und Medikamente zu Mangelware geworden. Die Menschen warten tagelang vor den Tankstellen auf Treibstoff. Der Rajapaksa-Clan, der das Land mehr als 20 Jahre in wechselnden Konstellationen regiert hat, wird für den Bankrott verantwortlich gemacht.

Aber auch Ranil Wickremesinghe, der selber bereits mehrmals Premierminister war und als weniger populistisch gilt als Gotabaya Rajapaksa, gehört zur Gruppe der Politiker, die nach dem Willen der Demonstranten nun gehen sollen. In den vergangenen Wochen waren die Versammlungen auf dem Galle Face Green, der Strandpromenade von Colombo, und vor dem Präsidentenpalast immer größer geworden. Und die Proteste wurden wütender.

Am Freitag noch hatte Gotabaya Rajapaksa eine "polizeiliche Ausgangssperre" erlassen wollen, die allerdings nicht mit den Gesetzen Sri Lankas zu vereinbaren war. Nachts wurde er auf eine Militärbasis in Sicherheit gebracht. Die Sicherheitskräfte beschützten Rajapaksas Amtssitz am Samstag nur noch so lange, wie sie dafür keine Gewalt anwenden mussten, dann wurde er gestürmt. Seitdem nutzen viele Frauen, Männer, Jung und Alt, Kinder und Großeltern die Gelegenheit, sich den Prunk des Präsidenten bei einer Tour durch den Palast persönlich anzusehen.

Der lodernde Zorn wurde dadurch zumindest so weit gedämpft, dass die Proteste, bei denen Hunderttausende in Colombo auf der Straße waren, ohne Tote oder Schwerverletzte blieben. 45 Einlieferungen meldeten die Krankenhäuser bis Sonntag. Das Privathaus von Ranil Wickremesinghe wurde in Brand gesteckt, nach bisherigen Untersuchungen von einer kleinen Gruppe von Randalierern.

Am Dienstag dann hieß es, dass die Rajapaksas versuchten zu fliehen. Neben Gotabaya auch sein älterer Bruder Mahinda, der zuletzt als Ministerpräsident amtiert hatte, sowie Finanzminister Basil Rajapaksa. Der wurde am Dienstag daran gehindert, ein Flugzeug nach Dubai zu besteigen, um dann in die USA zu reisen; er besitzt auch die US-Staatsbürgerschaft. Anscheinend hatte sein Bruder ihn zum neuen Interimspräsidenten bestimmt, bevor er selber floh. Ob das legal ist, muss noch geklärt werden. Seinen eigenen Rücktritt hat Gotabaya Rajapaksa allerdings vorher nicht unterzeichnet.

"Gemäß den Bestimmungen der Verfassung und auf Ersuchen der Regierung stellte die Luftwaffe Sri Lankas heute früh ein Flugzeug zur Verfügung, um den Präsidenten, seine Frau und zwei Sicherheitsbeamte auf die Malediven zu fliegen", hieß es in einer Erklärung des Militärs. Der Flieger hob nachts vom internationalen Hauptflughafen ab und landete um drei Uhr morgens in Malé. Von dort will Gotabaya Rajapaksa weiter in die Vereinigten Arabischen Emirate reisen. Die Oppositionsparteien planen, am Freitag, den 15. Juli, wieder zusammenzukommen. Nächste Woche soll ein neuer Präsident gewählt werden. Wenn der alte dann nicht mehr im Amt ist.

Zur SZ-Startseite

SZ PlusSri Lanka
:In der Hand von Giganten

Das kleine Sri Lanka steckt in einer schweren Wirtschaftskrise - und muss sich im Kraftfeld zwischen Indien und China behaupten. Doch welche der Großmächte ist der bessere Partner?

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB