Sri Lanka:Tumulte wegen schwerer Energie- und Wirtschaftskrise

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Donnerstagnacht in Colombo: Demonstranten setzen bei Protesten gegen Sri Lankas Präsidenten Rajapaksa einen Bus in Brand. (Foto: Dinuka Liyanawatte/Reuters)

Sri Lanka ist durch erratische Entscheidungen der Regierung und die Pandemie in eine ernste Notlage gestürzt . Nun fehlen Strom, Lebensmittel und Treibstoff - vor allem aber eine rettende Idee.

Von David Pfeifer, Bangkok

Es war eine lange Nacht in Colombo. Vor der Privatresidenz von Sri Lankas Präsident Gotabaya Rajapaksa, in einem Vorort Colombos, versammelten sich am späten Donnerstag Hunderte Demonstranten. In Sprechchören forderten sie den Rücktritt des Kabinetts, die Polizei setzte Tränengas und Wasserwerfer ein. Die Demonstranten, von denen einige Motorradhelme trugen, rissen eine Mauer ein und bewarfen die Polizei mit Ziegelsteinen, bevor sie einen Bus auf einer zuführenden Straße in Brand setzten.

Die Nacht endete mit Ausgangssperren, die die Polizei am frühen Freitagmorgen verhängte. Dass die Lage im Land sich dadurch beruhigt, ist nicht anzunehmen. Sri Lanka befindet sich in einer schweren Wirtschaftskrise, seit Wochen ist der Treibstoff knapp, wer noch ein paar Liter Diesel findet, zahlt Mondpreise. Viele der etwa 22 Millionen Einwohner sind auf ihre Mofas, Tuk-Tuks, auf mobile Küchen und Bringdienste angewiesen, um im Alltag durchzukommen.

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Schon seit einigen Wochen fällt auch der Strom aus, bis zu 13 Stunden am Tag. Die Straßen sind leer und dunkel, die Menschen schwitzen in ihren Apartments ohne Klimaanlagen, nachts fällt die Temperatur derzeit nur wenig, von etwa 31 auf 25 Grad. Krankenhäuser müssen Operationen absagen. Es fehlt Gas zum Kochen, aber auch Hühnerfleisch, Milchpulver, es fehlen Medikamente und weitere Grundnahrungsmittel. Vor allem fehlen Devisen, um diese dringend benötigten Importgüter zu bezahlen. Und es fehlen Ideen, wie die Krise zu lösen ist.

Mit der allgemeinen Energieversorgungsfrage, ausgelöst durch den Krieg Russlands gegen die Ukraine, hat das alles nichts zu tun. Sri Lanka steckt schon länger in dieser Wirtschaftskrise, ausgelöst durch politische Fehlentscheidungen, beschleunigt durch die Pandemie. So hatte man die Steuern gesenkt, ein Wahlversprechen aus dem Jahr 2019, die Mehrwertsteuer sank fast um die Hälfte, man wollte den Handel ankurbeln - doch wenige Monate später kam Covid-19. Der Tourismus, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor des Landes, sank quasi auf Null. Im vergangenen Jahr beschloss die Regierung zudem, auf ökologische Landwirtschaft umzustellen, chemische Düngemittel wurden verboten. Die Folgen waren Lebensmittelknappheit und Preisanstiege. Laut Statistikamt stieg die Inflation im Einzelhandel im März 2022 um 18,7 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Inflation bei Lebensmitteln erreichte 30,2 Prozent.

Indien schickt Diesel, doch die Probleme bleiben

Transportministerin Pavithra Wanniarachchi kündigte laut der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag an, dass am Samstag eine Diesellieferung aus Indien erwartet werde, im Rahmen einer neu verhandelten Kreditlinie. "Sobald diese Lieferung eintrifft, werden wir die Stunden des Lastausfalls reduzieren können, aber bis zum Eintreffen des Regens, wahrscheinlich irgendwann im Mai, werden die Stromausfälle weitergehen", sagte sie. Der Wasserstand in den Stauseen, die die Wasserkraftwerke speisen, sind auf ein Rekordtief gefallen. Wanniarachchi fügte hinzu, dass der Treibstoff aus Indien das Problem nicht dauerhaft lösen werde, doch "es gibt nichts anderes, was wir tun können".

Die Colombo Stock Exchange (CSE) verkürzte den täglichen Handel vergangene Woche wegen der Stromausfälle auf zwei Stunden, doch nach der Markteröffnung am Donnerstag waren die Aktien trotzdem abgerutscht, und die CSE stoppte den Handel für 30 Minuten - das dritte Mal innerhalb von zwei Tagen. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem Sri Lanka dringend Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten braucht.

Die Regierung bemüht sich derzeit um ein Kreditprogramm des Internationalen Währungsfonds (IWF). Der IWF sagte am Donnerstag Gespräche in den kommenden Tagen zu. Dass der Groll der Demonstranten sich gegen Gotabaya Rajapaksa persönlich richtet, liegt auch daran, dass er Sri Lanka eher feudal regiert. Seine Brüder bekleiden die Ämter des Premierministers, des Finanzministers und des Landwirtschaftsministers. Sein Neffe ist Sportminister. Einige Analysten und Oppositionspolitiker befürchten nun, dass Sri Lanka noch in diesem Jahr zahlungsunfähig werden könnte, wenn es seine Schulden in den kommenden Monaten nicht umstrukturiert. Für Sonntagmorgen wurden weitere Demonstration angekündigt.

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