Familiennachzug:Sprachlos in der Ferne

Lesezeit: 2 min

Familiennachzug: Liebe kann vielleicht Berge versetzten, nicht aber die deutsche Bürokratie.

Liebe kann vielleicht Berge versetzten, nicht aber die deutsche Bürokratie.

(Foto: imago stock&people)

Jedes Jahr können 10 000 Ausländer nicht zu ihren Ehepartnern nach Deutschland ziehen, weil ein Deutsch-Zertifikat fehlt. Jetzt will die Bundesregierung diese Hürde abschaffen - aber nicht für alle.

Von Nina von Hardenberg

Wer sein Herz verliert, macht mitunter die unwahrscheinlichsten Dinge, um diese Liebe möglich zu machen. Verzichtet wie seinerzeit Edward VIII., der Onkel der Queen, auf die Krone, oder wie Grace Kelly auf eine Karriere als Filmstar, als sie Fürst Rainier III. von Monaco heiratete. Manche Menschen wechseln für ihre Liebe die Religion; und viele ziehen in ein fremdes Land. Wenn sie denn dürfen.

Denn Liebe kann vielleicht Berge versetzen, nicht aber die deutsche Bürokratie erweichen. So dürfen jedes Jahr etwa 10 000 ausländische Ehepartner nicht zu ihren in Deutschland lebenden Partnern ziehen, weil sie durch die geforderte Deutschprüfung rasseln, wie die Bundesregierung bestätigte. Deutsche, die im Ausland geheiratet haben, verzweifeln also, weil sie ihre Liebsten nicht nach Hause bringen können. Auch in Deutschland lebende Türken oder Kolumbianer bleiben einsam, wenn die Frau in der Heimat den Deutschtest nicht besteht. Besser geht es da ausgerechnet anerkannten Flüchtlingen. Für ihre Partner gilt die Testpflicht dank internationalem Recht nicht.

Ein bisschen Deutsch sollte schon können, wer dauerhaft in Deutschland leben will, befand die große Koalition 2007 unter dem damaligen Innenminister Wolfgang Schäuble und machte den Nachweis einfacher Deutschkenntnisse (Niveau A1) vor Einreise zur Pflicht. Das Gesetz sollte Zwangsehen verhindern und die Integration erleichtern.

Dass sich einige unterdrückte junge Türken - so das von Schäuble damals verbreitete Klischee - über vermasselte Tests einer unfreiwilligen Ehe entzogen, ist möglich. Daten gibt es dazu nicht. Sicher ist, dass die Tests das glückliche Zusammenleben Tausender anderer Paare seither behindern. Betroffen sind besonders ärmere und bildungsferne Menschen, das sei durchaus die Absicht gewesen, mutmaßt die Linke, die das Thema seit Jahren verfolgt. Diese Menschen könnten sich keine Sprachkurse leisten. Härtefallregelungen griffen häufig nicht. Familienleben sei aber ein Menschenrecht und kein Privileg.

Der Test erschwert auch allen anderen Paaren die Einreise. So gebe es in 67 Ländern überhaupt keine Möglichkeit, einen zertifizierten Sprachnachweis zu erbringen, rechnet der Verband der binationalen Familien und Partnerschaften vor. Auch aus Afghanistan war das Zertifikat noch bis kurz vor der Machtübernahme der Taliban gefordert worden. Das Goethe-Institut hat dort seit 2017 geschlossen.

Deutsch lernen ist wichtig. Wer sich verständigen kann, findet leichter Jobs und fühlt sich der neuen Heimat eher verbunden. Eine Sprache aber lernt man am besten im Land, argumentiert der Verband binationaler Familien und Partnerschaften. In Deutschland ist ein Sprachkurs für diese Ankömmlinge ohnehin Pflicht.

Die Ampelkoalition räumt mit vielen Härten des Migrationsrechts auf. Auch der Zwang zum Sprachtest soll fallen, wie sich im Koalitionsvertrag nachlesen lässt. In dem Entwurf für das Chancen-Einwanderungsgesetz, der am Freitag im Bundesrat diskutiert wird, ist dies allerdings nur für Fachkräfte vorgesehen. Die Fachkräfteeinwanderung sei nun mal "ein wichtiges und sehr dringendes Anliegen der Bundesregierung", erklärt eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums. Alle anderen müssen vorerst warten. Liebe hin oder her.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema