Süddeutsche Zeitung

Sprachen in der EU:Let's face it: Europa muss Englisch sprechen

Wie sollen sich Europäer besser verstehen, wenn sie nicht miteinander reden können? Englisch ist Europas wichtigste Sprache. Jeder Bürger sollte sie beherrschen - und es ist die Pflicht eines jeden EU-Mitgliedstaats, dafür zu sorgen.

Ein Plädoyer von Matthias Kolb

Vor kurzem war der CSU-Politiker Johannes Singhammer in wichtiger Mission in Brüssel. Der Vizepräsident des Bundestags kämpfte dort für den Stellenwert der deutschen Sprache und warnte anschließend: "Der Anteil der Texte, die ins Deutsche übersetzt werden, sinkt sogar."

Potzblitz! Englisch und Französisch sind im Alltag der EU-Institutionen beliebter als unsere Muttersprache Deutsch, erfuhr er. Manche Ausschüsse des Bundestags hätten "die Beratungen über Vorlagen verweigert, weil sie nur in Englisch vorlagen", konstatiert Singhammer. Deutschlands Parlament nimmt also nicht Stellung, weil Dokumente nicht in deutscher Sprache existieren, doch Brüssel entscheidet trotzdem.

Singhammers Schlussfolgerung: Die EU soll noch mehr Dokumente noch schneller übersetzen. Dass die Kosten von jährlich 330 Millionen Euro weiter steigen würden? Egal, denn Sprache ist Identität und sonst würden "Seele und Geist Europas" beschädigt, so Singhammer. Dabei ist es genau andersrum: Europa braucht weniger Übersetzungen und mehr Fremdsprachenkenntnisse. Wobei Fremdsprache im Jahr 2014 bedeutet: Englisch.

Wer Englisch kann, ist klar im Vorteil. Das gilt nicht nur für Politiker auf allen Ebenen, sondern für alle 506 Millionen Bürger in den 28 EU-Staaten. Obwohl Deutsch die am weitesten verbreitete Muttersprache in der EU ist (18 Prozent), nimmt Englisch eine Sonderstellung ein. Dies belegen die aktuellsten Zahlen des Eurobarometers zu diesem Thema (Juni 2012):

  • Mit 38 Prozent ist Englisch die meistgesprochene Fremdsprache in Europa; weit vor Französisch (12 Prozent), Deutsch (11 Prozent), Spanisch (7 Prozent) und Russisch (5 Prozent).
  • Englisch ist in 76 Prozent jener Mitgliedstaaten, in denen es keine offizielle Landessprache ist, am weitesten verbreitet.
  • Zwei Drittel der europäischen Bürger sind davon überzeugt, dass für sie persönlich Englisch eine der beiden wichtigsten Sprachen ist.

Vielfältig sind die Klagen über den EU-Alltag: Keine europäische Öffentlichkeit, weshalb alle Debatten auf nationaler Ebene verbleiben. Fehlendes Verständnis, weil man mit dem anderen nicht über grundlegende Themen reden kann. Zu wenige Bürger ziehen in andere EU-Staaten, oft gibt es Probleme bei der Mobilität von Studenten und Arbeitskräften.

Dabei ist die Lösung für viele Probleme ganz einfach: Wir brauchen ein klares Bekenntnis zum Englischen als lingua franca der EU. Wer heute zur Schule oder Uni geht, sollte nicht nur Englisch lernen müssen, sondern Shakespeares Sprache nicht einfach abwählen dürfen.

Die Einwände sind bekannt: "Aber die Stärke Europas ist seine Vielfalt!" "Die kleinen Staaten fühlen sich übergangen." "Gleichmacherei ist schlecht und Englisch ist sowieso schon so omnipräsent." Aber wenn es mit der Dominanz des Englischen wirklich so weit her wäre, dürfte es doch heute schon kaum Kommunikationsprobleme bei Reisen ins europäische Ausland geben und überall müssten ganz normale Bürger on- und offline debattieren - gerade in Zeiten der Schuldenkrise und der Suche nach einer europäischen Identität.

Dass dem nicht so ist, sollte vielmehr Ansporn sein. Alles, was dazu führt, dass die 506 Millionen Europäer besser kommunizieren können, ist den Aufwand wert - egal ob zeitlich oder finanziell. Natürlich würde ein solcher Schritt, wenn sich alle 28 Staaten darauf einigen, erst mittelfristig Wirkung zeigen - und natürlich würde das Geld, das bei Übersetzungen eingespart werden würde, nicht genügen, um die Kosten zu decken. Doch langfristig würde sich a better knowledge of English auszahlen.

Warum Vorbehalte gegen mehr Englisch-Unterricht kleingeistig sind

In kleineren Ländern wie Estland, Lettland oder Slowenien lernt sowieso jeder Englisch, da niemand erwartet, dass Ausländer ihre ebenso exotischen wie komplizierten Sprachen lernen. Die Klagen über die vermeintliche Dominanz des Englischen kommen vor allem aus Deutschland, Frankreich oder Italien - also aus Staaten, deren Sprachen wahrlich nicht vom Aussterben bedroht sind. Solche Beschwerden sind weinerlich.

Auf jedem EU-Gipfel und in vielen Sonntagsreden loben wir Deutsche unsere Reformbereitschaft und wünschen auf EU-Ebene mehr Integration und Wettbewerbsfähigkeit. Berlin fordert von anderen Staaten den Mut zu mitunter schmerzhaften Einschnitten - und gleichzeitig beharren wir und unsere Abgeordneten darauf, dass unsere Sprache ja nicht hinter das Französische und Englische zurückfallen darf.

Die Mitglieder des Bundestags, um die sich Johannes Singhammer so sehr sorgt, sollten ihre nationale Eitelkeit vergessen und selbst Vorbilder sein. Es stimmt, dass viele Themen "so komplex" sind, dass nicht jeder "sie in einer Fremdsprache sicher verhandeln" könne, wie der CSU-Mann sagt. Doch wer - wegen Alter, Ausbildung, Talent oder sonstigen Gründen - beim Englischen Probleme hat, der kann bei der Auswahl seiner Mitarbeiter besonders auf Sprachkenntnisse achten. Immerhin stehen ihm dafür pro Monat 16 000 Euro zur Verfügung. Mit der komplexen, globalen Welt muss sich fast jeder Mittelständler herumschlagen, weshalb es wenig überzeugend ist, dass Abgeordnete eines reichen Industriestaats hier kapitulieren sollten.

Mehr Englisch bedeutet nicht weniger Wertschätzung der Muttersprache

Und auch für die jüngeren Europäer, die Generation Erasmus, gibt es noch Luft nach oben. Denn viele sprechen hier "Bad English", also jenes Sprachgemisch, das die 1987 geborene Steffi Unsleber in der taz jüngst nicht zu Unrecht als "Lingua Europaea" bezeichnete: "Niemand von uns weiß, ob die Grammatik stimmt, schwierige Wörter fehlen, aber sie verstehen mich und ich verstehe sie - besser als jeden Muttersprachler." Das ist schon mal ein Anfang, aber je besser das Englisch, umso differenzierter die Gespräche - und zu diskutieren gibt es genug im Europa nach der Finanzkrise.

Und dann gilt es, noch einen Mythos zu hinterfragen: Die Wertschätzung der eigenen Muttersprache wird durch die Förderung einer Fremdsprache nicht gefährdet. Wer eine andere Sprache wirklich gut beherrscht, der lernt auch zusätzliche schneller.

Zudem ist es natürlich erstrebenswert, dass auch außerhalb Luxemburgs und den Niederlanden möglichst viele Europäer zwei Fremdsprachen können (dort sind es 84 bzw. 77 Prozent). Das wäre das Idealszenario: Jedes Kind in Europa bekommt Unterricht in seiner Muttersprache, in Englisch und in einem weiteren Idiom seiner Wahl. Spanisch, Polnisch oder auch Bulgarisch oder Griechisch - dies würde nicht nur die Chance auf noch mehr Gespräche erhöhen, sondern auch Respekt für die andere Kultur zeigen.

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