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Sprachen in der EU:Warum Vorbehalte gegen mehr Englisch-Unterricht kleingeistig sind

In kleineren Ländern wie Estland, Lettland oder Slowenien lernt sowieso jeder Englisch, da niemand erwartet, dass Ausländer ihre ebenso exotischen wie komplizierten Sprachen lernen. Die Klagen über die vermeintliche Dominanz des Englischen kommen vor allem aus Deutschland, Frankreich oder Italien - also aus Staaten, deren Sprachen wahrlich nicht vom Aussterben bedroht sind. Solche Beschwerden sind weinerlich.

Auf jedem EU-Gipfel und in vielen Sonntagsreden loben wir Deutsche unsere Reformbereitschaft und wünschen auf EU-Ebene mehr Integration und Wettbewerbsfähigkeit. Berlin fordert von anderen Staaten den Mut zu mitunter schmerzhaften Einschnitten - und gleichzeitig beharren wir und unsere Abgeordneten darauf, dass unsere Sprache ja nicht hinter das Französische und Englische zurückfallen darf.

Die Mitglieder des Bundestags, um die sich Johannes Singhammer so sehr sorgt, sollten ihre nationale Eitelkeit vergessen und selbst Vorbilder sein. Es stimmt, dass viele Themen "so komplex" sind, dass nicht jeder "sie in einer Fremdsprache sicher verhandeln" könne, wie der CSU-Mann sagt. Doch wer - wegen Alter, Ausbildung, Talent oder sonstigen Gründen - beim Englischen Probleme hat, der kann bei der Auswahl seiner Mitarbeiter besonders auf Sprachkenntnisse achten. Immerhin stehen ihm dafür pro Monat 16 000 Euro zur Verfügung. Mit der komplexen, globalen Welt muss sich fast jeder Mittelständler herumschlagen, weshalb es wenig überzeugend ist, dass Abgeordnete eines reichen Industriestaats hier kapitulieren sollten.

Mehr Englisch bedeutet nicht weniger Wertschätzung der Muttersprache

Und auch für die jüngeren Europäer, die Generation Erasmus, gibt es noch Luft nach oben. Denn viele sprechen hier "Bad English", also jenes Sprachgemisch, das die 1987 geborene Steffi Unsleber in der taz jüngst nicht zu Unrecht als "Lingua Europaea" bezeichnete: "Niemand von uns weiß, ob die Grammatik stimmt, schwierige Wörter fehlen, aber sie verstehen mich und ich verstehe sie - besser als jeden Muttersprachler." Das ist schon mal ein Anfang, aber je besser das Englisch, umso differenzierter die Gespräche - und zu diskutieren gibt es genug im Europa nach der Finanzkrise.

Und dann gilt es, noch einen Mythos zu hinterfragen: Die Wertschätzung der eigenen Muttersprache wird durch die Förderung einer Fremdsprache nicht gefährdet. Wer eine andere Sprache wirklich gut beherrscht, der lernt auch zusätzliche schneller.

Zudem ist es natürlich erstrebenswert, dass auch außerhalb Luxemburgs und den Niederlanden möglichst viele Europäer zwei Fremdsprachen können (dort sind es 84 bzw. 77 Prozent). Das wäre das Idealszenario: Jedes Kind in Europa bekommt Unterricht in seiner Muttersprache, in Englisch und in einem weiteren Idiom seiner Wahl. Spanisch, Polnisch oder auch Bulgarisch oder Griechisch - dies würde nicht nur die Chance auf noch mehr Gespräche erhöhen, sondern auch Respekt für die andere Kultur zeigen.

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© Süddeutsche.de/sebi
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