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#sprachemachtpolitik:Lieber Schaum vorm Mund als keine Ahnung

Bundestagsprotokolle Teaser

Schüler protestieren vor dem Reichstagsgebäude, dem Sitz des Deutschen Bundestages.

(Foto: Carsten Koall)

Die Klimakrise, der rassistische Terror in Hanau oder der Dammbruch in Thüringen: Was katastrophal ist, darf so genannt werden. Warum Empörung und apokalyptische Sprache manchmal nötig sind.

"Hysterie" ist ein hässliches Wort. Es leitet sich vom griechischen "hystéra", Gebärmutter, ab - ist also inhärent sexistisch - und suggeriert Unzurechnungsfähigkeit. Gern unterstellen Menschen, die keine Argumente haben, ihrem Gegenüber "Hysterie", um eine Diskussion zu unterbinden. Oder sie sprechen gleich von "Schaum vor dem Mund". Das Gegenüber empört sich, muss also an Tollwut erkrankt sein? Wer solche Unterstellungen austeilt statt inhaltlich zu argumentieren, verhält sich unsachlicher als alle Tollwütigen zusammen. Keine Ahnung haben und deshalb beleidigend werden? Dann doch lieber der Schaum.

Wenn Bürger gegen ein Unrecht aufbegehren, ist das nicht "Hysterie", sondern "Empörung". Der Unterschied zwischen den beiden Begriffen zeigt, wie Sprache die Wahrnehmung beeinflusst: "Hysterie" ist übertrieben, "Empörung" ist geboten. Sie darf oder muss sogar mit deutlicher Sprache ausgedrückt werden. Solche Sprache vermittelt Dringlichkeit und übt Druck aus. Sie manifestiert Haltung. Und sie trennt echte von falschen Katastrophen. Sprache macht Politik.

Diesen Zusammenhang verdeutlicht eine neue SZ-Datenrecherche. Die computerlinguistische Auswertung der Protokolle aller Bundestagsdebatten belegt zum einen, wie die AfD den Diskurs über Migration nach rechts verschiebt. Zum anderen zeichnet die Recherche den Umgang mit der Klimakrise nach - und verdeutlicht, wie die Abgeordneten sie jahrzehntelang verdrängt und vor allem verharmlost haben. Gegen einen Treibhauseffekt, der mit anderen Umweltproblemen wie dem Waldsterben vergleichbar ist, muss nicht so vehement vorgegangen werden wie gegen eine Klimakrise, die zu Massenarmut führt. Sprache kann auch Politik verhindern.

Heute gilt die deutsche Klimapolitik immer noch als zu wenig ambitioniert; was sie ausrichten kann, solange etwa die USA nicht mitziehen, ist unklar. Aber zumindest versucht die große Koalition auf öffentlichen Druck hin, das Klima zu schützen. Diesem Druck geben die spürbaren Folgen des Klimawandels Gewicht - und die Tatsache, dass Fridays for Future diese Folgen benennt. Wenn die Protestierenden von der "Klimakatastrophe" und ihrer "gestohlenen Zukunft" sprechen, verwenden sie bewusst apokalyptische, aber nicht unpräzise, Rhetorik. Sie führt dazu, dass das Thema nicht weniger ernst, sondern im Gegenteil ernster genommen wird. Wer argumentiert, dass vermeintliche "Klimahysterie" die Kinder und Jugendlichen zu sehr aufwühle, vertauscht Ursache und Wirkung.

Dieselben Populisten, die eine solche "Klimahysterie" heraufbeschwören - und das, paradoxerweise, in höchster Erregung - ereifern sich bei anderen Themen. Wer mit dem richtigen Pronomen angesprochen werden möchte, ist dem "Genderwahn" verfallen. Aber wehe, eine imaginäre Oma wird wegen ihrer Umweltsünden mit einem Schimpfwort belegt.

Wie angemessen vermeintlich dramatische Sprache sein kann, verdeutlichen momentan weitere Beispiele. Wenn ein Rechtsextremist Mitbürger tötet, dann ist das nicht Fremdenfeindlichkeit, sondern Rassismus. Wenn mit AfD-Stimmen ein Ministerpräsident gewählt wird, dann ist nicht nur ein Tabu gebrochen, sondern sinnbildlich auch ein Damm, der die Demokratie schützt. Deswegen war es angebracht, dass Politiker aller Lager in den vergangenen Wochen bewusst mit ihren Formulierungen umgegangen sind, den Anschlag in Hanau als rassistischen Terror benannt haben und die Ministerpräsidentenwahl in Thüringen als Tabubruch.

All diese Beispiele zeigen, dass Empörung etwas anderes ist als ein Mangel an Sachlichkeit. Wer sachlich argumentiert, kann das mit dramatischen - nicht aber dramatisierenden - Worten ausdrücken. Was Sachlichkeit verbietet: Formulierungen, die verletzen oder ausgrenzen. Menschen können keine Krise sein, auch geflüchtete nicht. Hunger ist eine Krise. Armut ist eine Krise. Die Erhitzung der Erde ist eine Krise. Und wenn über die gesprochen wird, kann ein wenig Empörung nicht schaden.

© SZ.de/kus
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