Israel hat einen Göttinger Medizinstudenten unter Spionageverdacht festgenommen und angeklagt: Der israelische Araber soll in Deutschland Kontakt zur Hisbollah geknüpft und Informationen an die Schiitenmiliz weitergegeben haben. Als Gegenleistung soll er 13.000 Euro erhalten haben.

Khaled K. war offenbar auf dem Weg in die Semesterferien, als er bei seiner Landung in Tel Aviv am 16. Juli verhaftet wurde. Der 29-jährige Palästinenser mit israelischem Pass stammt aus der israelisch-arabischen Kleinstadt Kalansuwa, unweit des Westjordanlandes.
Nach Ermittlungen des israelischen Inlandsgeheimdienstes Shin Beth soll er der Hisbollah Informationen über seine Heimat geliefert haben sowie eine Liste von im Ausland lebenden Israelis, die bereit wären, ebenfalls für die Schiitenmiliz zu arbeiten. Auch habe der Medizinstudent angeboten, in israelischen Krankenhäuser anzuheuern und dort Informationen über Sicherheitsbeamte oder Soldaten zu sammeln.
Der Anwalt des Angeklagten, Amnon Zichroni, sagte, sein Mandant habe dem Staat Israel keinen Schaden zugefügt.
Zweifelhaftes Waisenprojekt
Bereits 2002 soll Khaled K., so die Anklage, ein gewisser Hisham H. über seine Familie vorgestellt worden sein: Der libanesische Chirurg ist Vorsitzender des deutschen Vereins "Waisenprojekt Libanon", der seit 1993 Spenden für Kinder im Libanon sammelt, die ihre Eltern im Bürgerkrieg verloren haben. Auf seiner Internetseite macht der Verein zwar keine detaillierten Angaben, wie er Spenden verwendet, weist aber explizit darauf hin, dass er die Gelder direkt einem Waisenkind im Libanon überweise. Dem israelischen Geheimdienst gilt der Verein jedoch als Deckorganisation für das "Libanesische Märtyrer Institut". Dieses sammele Geld für die Hisbollah.
Der Chirurg Hisham H., schreibt die Anklage weiter, habe den jungen Studenten in Kontakt mit dem Libanesen Mohammed H. gebracht. Bei deren ersten Treffen in Erfurt 2005 wurde der Göttinger Medizinstudent aufgefordert, sich ein nicht registriertes Handy zu kaufen und weitere Verabredungen nur noch per E-Mail zu vereinbaren. Bei ihrem zweiten Treffen, ein Jahr später, soll sich der Libanese dann als Mitglied der Hisbollah zu erkennen gegeben haben: Den Sicherheitsbehörden ist der 50-Jährige als Führungsoffizier der Schiitenmiliz bekannt, der in verschiedenen Ländern Spione für die Hisbollah anwirbt, sich schließlich mit diesen trifft, um Anweisungen und Geld zu verteilen - und dafür Informationen entgegenzunehmen. Zwei weitere Treffen zwischen dem Hisbollah-Mann und dem Medizinstudenten in Frankfurt folgten.
Khaled K. soll inzwischen gestanden haben, Informationen an den Hisbollah-Offizier Mohammed H. weitergegeben zu haben, teilten isrealische Sicherheitsbehörden am Mittwoch mit: Neben einer Liste von möglichen weiteren Hisbollah-Spionen waren dies Luftbildaufnahmen seiner Heimatstadt und detaillierte Beschreibungen der Siedlung.
Werben um israelische Araber
Die israelischen Sicherheitsbehörden deuten den Fall als einen weiteren Beleg dafür, dass sich die Hisbollah verstärkt um israelische Araber bemüht: Mit ihrem israelischen Pass können sie problemlos auch in jene Gebiete gelangen, zu denen Palästinenser keinen Zugang haben.
Khaled K. ist offenbar nicht der erste Spion, den die Hisbollah in Deutschland zu rekrutieren versuchte: Die Zeitung The Jerusalem Post führte in ihrer gestrigen Ausgabe den Fall eines zum Islam konvertierten Deutschen an, den die Schiitenmiliz 1997 anwarb, um Selbstmordanschläge in Tel Aviv oder Haifa durchzuführen. Er wurde am Ben-Gurion-Flughafen in Tel Aviv festgenommen und im Zuge eines Gefangenenaustausches 2004 freigelassen.
Israelische Sicherheitsbehörden verweisen darauf, dass die Hisbollah - in Europa keine verbotene Terrororganisation - die hiesigen Vereinstrukturen nutzt, um Mitglieder anzuwerben und Geld zu sammeln. In seinem jüngsten Jahresbericht geht der Verfassungsschutz davon aus, dass derzeit etwa 900 Hisbollah-Anhänger in Deutschland leben.