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Spitzelaffäre in der Roten Flora:Iris P. war Teil der Redaktion

Tatsächlich ist der umstrittene Schill einer von fünf Innensenatoren gewesen, die während des sechsjährigen Einsatzes der verdeckten Ermittlerin P. im Amt waren. Gerade zu Zeiten, als Schills Partei Rechtsstaatlicher Offensive mit CDU und FDP die Senatskoalition bildete, gab es viele linke Proteste, über welche das FSK berichtete. Da ergibt es Sinn, dass Iris P. sich als Flora-Aktivistin nicht nur in der queer-feministischen Szene engagierte, sondern auch in dem journalistischen Projekt FSK. Sie nahm an Konferenzen teil. Sie war eingebunden in die Berichterstattung, etwa über die Räumung des Wagenplatzes Wendebecken durch die Polizei. Und sie gehörte auch zum Redaktionsteam, als der nicht angezeigte Mitschnitt eines Interviews mit der Polizeipressestelle die Polizei 2003 zu einer Razzia beim FSK veranlasste; das Bundesverfassungsgericht wertete die Durchsuchung Jahre später als Verstoß gegen die Rundfunkfreiheit.

Wenn Werner Pomrehn von Iris P. erzählt und von dem Staat, der hinter ihr steht, klingt er nicht sehr zornig. In seine bedächtigen Reden verirrt sich manchmal ein spöttischer Unterton, aber im Grunde strahlt er die Aura eines gelassenen Zweiflers aus, der sich mit der Wirtschaftsgesellschaft nicht mehr anfreunden kann. Früher hat er sich seine ehrenamtliche Redakteursstelle im FSK durch einen Halbtagsjob finanziert. Heute ist er Rentner und betrachtet die Dinge durch die Brille seiner Erfahrung. Iris P. sieht er im Rückblick als eine Agentin, die ihre Rolle im FSK eher mäßig spielte. "Ich habe keine Erinnerung daran, dass sie eigene Themen hatte", sagt er. "Es war immer das Gefühl da, es geht mehr um den Anschluss an die Gruppen."

Wenn es stimmt, was die linke Szene sagt, gehörte es zum Prinzip der Ermittlerin P., sich Freunde zu machen und sich dann von diesen Freunden in andere Kreise einführen zu lassen. So kam sie auch ins FSK. Eines Tages wurde sie vorgestellt, und weil das FSK sich als Bürgerradio versteht, in dem im Grunde jeder mitmachen kann, hinterfragte sie zunächst niemand. Sie konnte widerstandslos eintauchen ins FSK-System der Meinungen und Themenerkundungen - was die Frage aufwirft, ob diese Offenheit sich nicht ändern muss nach der Erfahrung mit der falschen Iris. Werner Pomrehn findet: nein. "Damit würde ein Spitzelsystem ja eines seiner Ziele erreichen", sagt er. "Zu den Zielen gehört, die Betroffenen dazu zu bringen, verschlossen zu werden, die Lebensfreude zu verlieren und nicht mehr mit Neugier auf andere Menschen zuzugehen." Die FSK-Leute brauchen ihre Offenheit, sonst können sie nicht mehr Journalisten sein.

© SZ vom 27.11.2014/ebri

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