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Spionagechef der DDR:Markus Wolf gestorben

Der langjährige Leiter der Stasi-Auslandsabteilung starb in der Nacht zum Donnerstag im Alter von 83 Jahren in seiner Wohnung. Er sei friedlich eingeschlafen, teilte seine Familie mit. Zu Lebzeiten hatten dem "Mann ohne Gesicht" selbst Spionagechefs des Westens Anerkennung gezollt.

Fast 30 Jahre war er der Chef der DDR-Auslandsagenten. Er rekrutierte Günter Guillaume, dessen spätere Enttarnung 1974 zum Rücktritt des damaligen Bundeskanzlers Willy Brandt führte. Wolf war Stellvertreter von Stasi-Chef Erich Mielke. Nach der Wiedervereinigung stand "die graue Eminenz der Spionagewelt" ganz oben auf der bundesdeutschen Fahndungsliste. Seine Strafverfolgung empfand der Ex-Spionagechef als "Siegerjustiz".

Markus Wolf im Jahr 2002

(Foto: Foto: dpa)

Am frühen Donnerstag - ausgerechnet am 17. Jahrestag des Mauerfalls - ist Wolf im Alter von 83 Jahren in seiner Berliner Wohnung gestorben. Markus "Mischa" Wolf galt als eine Schlüsselfigur des Kalten Krieges. Erst 1978 war es in Stockholm gelungen, ein Foto von ihm zu schießen. Zuvor hatten seine Gegenspieler Wolf nur von einem Bild aus dem Jahre 1959 gekannt.

Prozesse und Beugehaft

Zur Wendezeit ging Wolf nach Moskau, wo er als Emigrantenkind aufgewachsen war, kehrte aber 1991 freiwillig zurück. Nach seiner Rückkehr wurde ihm der Prozess gemacht. Ein Urteil über sechs Jahre Haft wegen Landesverrats wurde später aufgehoben, weil DDR-Bürger, die vor der Wiedervereinigung gegen die Bundesrepublik spioniert hatten, nach einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes dafür nur noch eingeschränkt strafrechtlich verfolgt werden durften.

Bei einem zweiten Prozess ging es dann um die Verschleppung von vier Menschen in den 50er und 60er Jahren. Dafür wurde Wolf im Mai 1997 zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Seine früheren Mitarbeiter preiszugeben, lehnte er aus moralischen Gründen ab, was ihm zwei Tage Beugehaft einbrachte. Strafbare Handlungen vermochte Wolf in seiner über 30-jährigen Spionagetätigkeit nicht zu erkennen. Schließlich habe er sich als Bürger und Funktionsträger der DDR stets an die geltenden Gesetze gehalten.

Eine Art Rechenschaftsbericht legte Wolf 1997 in seinen Memoiren unter dem Titel "Spionagechef im geheimen Krieg" vor. Auch wenn er 1989 mit dem Buch "Troika" zu den Fürsprechern der vorsichtigen Reformpolitik gehörte und bei den DDR-Oberen nicht nur Freunde hatte: Viele Ostdeutsche werden ihn als Unbelehrbaren in Erinnerung behalten. Bei der größten Wende-Demonstration, zu der sich am 4. November 1989 eine halbe Million Menschen auf dem Alexanderplatz versammelten, wurde er gnadenlos ausgepfiffen.

Schillerndes Privatleben

Der Sohn des jüdischen Dramatikers, Arztes und Kommunisten Friedrich Wolf wurde am 19. Januar 1923 in Hechingen/Hohenzollern geboren und wuchs in Stuttgart auf. 1933 emigrierte die Familie in die Schweiz, später in die Sowjetunion. Dort besuchte Wolf zusammen mit seinem Bruder Konrad, der sich später als Filmregisseur in der DDR einen Namen machte, die Komintern-Schule.

1945 kehrte er nach Deutschland zurück, arbeitete zunächst als Journalist und beobachtete für den Berliner Rundfunk die Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozesse. Im Alter von nur 28 Jahren war Wolf 1951 mit dem Aufbau eines DDR- Auslandsgeheimdienstes betraut worden. Seit 1958 war er Leiter dieser so genannten Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA). Mit der Präzision eines Schachspielers führte Wolf über etwa 4000 Auslandsagenten Regie.

Der umtriebige Wolf war Stasi-Chef Mielke nicht immer geheuer. Zu schillernd war dem verknöcherten Minister das Privatleben seines Agentenführers, der drei Mal heiratete. Am 5. Februar 1986 meldete die DDR-Nachrichtenagentur ADN, Wolf scheide auf eigenen Wunsch aus dem aktiven Dienst der Staatssicherheit der DDR aus. Selbst die Spionagechefs des Westens hatten ihm Anerkennung gezollt.