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Spionage zwischen Moskau und London:Wie einst im Kalten Krieg

Zwischen Russland und Großbritannien herrscht seit dem spektakulären Mord an dem russischen Ex-Agenten Litwinenko Eiszeit. Neue Spionagevorwürfe vertiefen jetzt die Krise.

Wolfgang Jaschensky

Die erste Annäherung fand auf neutralem Boden statt. Beim G-20-Gipfel in Seoul vor einem Monat vereinbarten David Cameron und Dmitrij Medwedjew ein Treffen in Moskau Anfang kommenden Jahres.

BRITAIN-RUSSIA-SPY-DIPLOMACY

Im Zentrum des Spionagestreits: Das Hauptquartier des MI6 in London.

(Foto: AFP)

Es wäre der erste Besuch eines britischen Premiers in Moskau seit Alexander Litwinenko vor vier Jahren in London mit dem radioaktiven Stoff Polonium vergiftet worden ist. Dem Mord an dem russischen Ex-Agenten folgte eine regelrechte Eiszeit zwischen Großbritannien und Russland.

Doch bevor die zarten Bemühungen von Kreml und Downing Street erste Früchte tragen können, drohen neue Geheimdienstverwicklungen das Tauwetter zu beenden. Die britische Regierung erklärte am Dienstag, dass sie einen Angehörigen der russischen Botschaft in London wegen Spionage des Landes verwiesen hat.

Man habe die Regierung in Moskau bereits am 10. Dezember um den Abzug des Diplomaten gebeten, nachdem es "klare Beweise" dafür gegeben habe, dass er in Geheimdienstaktivitäten verstrickt gewesen sei, die sich gegen britische Interessen gerichtet hätten.

"Sehr schlechte Beziehungen"

Überbringer der Botschaft war Außenminister William Hague, der sich zuletzt persönlich sehr für bessere Beziehungen zu Russland eingesetzt hat. Hagues erklärtes Ziel war es, die "sehr schlechten Beziehungen" zu Moskau, die die Labour-Regierung hinterlassen habe, zu verbessern.

Deshalb war Hague erst im November nach Moskau gereist um seiner Ankündigung Taten folgen zu lassen. Nun muss der Außenminister einräumen, dass der Plan erst einmal gescheitert ist.

Denn natürlich hat Russland nicht reumütig bekannt, der Einsatz des Agenten sei ein Fehler gewesen, sondern ist in die Gegenoffensive gegangen: Sechs Tage nach der Nachricht aus London antwortete Moskau mit dem Rauswurf eines britischen Diplomaten. Beide Botschaftsmitarbeiter hätten die jeweiligen Länder inzwischen verlassen, hieß es in einer schriftlichen Regierungserklärung aus London.

Der Rauswurf habe nichts mit den Vorwürfen gegen Ekaterina Zatuliveter zu tun, zitiert der Guardian Regierungsmitarbeiter. Doch auch der Fall der Russin belastet das Verhältnis zwischen Moskau und London. Der 25-Jährigen wird vorgeworfen, den liberalen Unterhaus-Abgeordneten Mike Hancock, dessen Mitarbeiterin sie für zweieinhalb Jahre war, für den russischen Auslandsgeheimdienst SVR ausspioniert zu haben.

Die Berichte offenbaren Zustände, die an die Zeiten des Kalten Krieges erinnern. Zu diesem Eindruck passt eine von Wikileaks veröffentlichte US-Botschaftsdepesche, der zufolge gegenwärtig 30 bis 35 russische Agenten in Großbritannien aktiv sein sollen - mehr als je zuvor.

Massive Kritik am britischen Geheimdienst

Eine andere Wikileaks-Enthüllung dürfte die russisch-britischen Annäherungen aber weitaus stärker belasten. Aus weiteren am Dienstag veröffentlichten US-Botschaftsdepeschen geht der New York Times und dem Guardian zufolge hervor, dass russische Behörden den Litwinenko-Mördern auf der Spur gewesen seien. Der britische Geheimdienst habe die Russen jedoch informiert, sie hätten die Verdächtigen "unter Kontrolle". Trotzdem wurde Litwinenko umgebracht, der Täter entkam. Den Inhalt der Botschafts-Depeschen muss der Geheimdienst ihrer Majestät deshalb als massive Kritik seiner Professionalität sehen.

Die Informationen soll ein Vertreter der russischen Regierung einem US-Kollegen bei einem Abendessen zwei Wochen nach dem Mord übermittelt haben. Der naheliegende Verdacht: Die Russen wollten so von ihrer Verwicklung in den Mord ablenken. Wenig überraschend zitiert deshalb die New York Times "britische Offizielle", die den Behauptungen widersprechen. Auch Marina Litwinenko, Witwe des vergifteten Kreml-Kritikers, spricht von "gezielter Desinformation".

Die britischen Behörden betrachten offiziell den früheren russischen Agenten und heutigen Duma-Abgeordneten Andrej Lugowoj als den Hauptverdächtigen und verlangen von Moskau seine Auslieferung. Russland lehnt dies jedoch ab.

Es gibt also viele Unsicherheiten im Verhältnis zwischen Russland und Großbritannien. Sicher ist, das Cameron und Medwedjew einiges zu bereden haben - sollte das Treffen nicht wieder abgesagt werden.

© sueddeutsche.de/mcs
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