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Spionage in Deutschland:Honigfallen und Mordpläne

60 Jahre Bundesrepublik - Brandt und Guillaume

Stasi-Spion und Kanzler-Referent: Günter Guillaume (re.) mit Willy Brandt (SPD) auf einer Reise in Schleswig-Holstein Anfang September 1973.

(Foto: dpa)
  • Berlin galt während des Kalten Krieges als Drehkreuz für Geheimdienste aus aller Welt. Deutsche Geheimdienstler weisen gerne darauf hin, dass das immer noch der Fall sei.
  • So sollen ausländische Dienste weiterhin von der deutschen Hauptstadt aus Informationen über Oppositionelle in ihrem Heimatland sammeln.
  • Wie im Film, so wurden früher auch in Wirklichkeit Abgeordnete gerne mit heimlich aufgenommenen Fotos von intimen Momenten erpresst, um so an Informationen zu kommen.

In der Welt der Geheimdienste gibt es viele spezielle Begriffe: Von A wie "anwerben" bis Z wie "Zugangslage". Dieser Ausdruck klingt ein wenig verstaubt, aber er passt ganz gut zu dem Fall, um den es hier geht.

Mit "Zugangslage" ist die Menge und die Qualität der Informationen bei einem sogenannten Beobachtungsobjekt gemeint. Parlamente waren schon immer bevorzugte Beobachtungsobjekte für Ausspäher und die chinesischen Geheimdienste gelten als sehr eifrig.

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In dem Milieu wurde früher auch die "Methode Honigfalle" praktiziert. Abgeordnete wurden von kontaktfreudigen Damen aufgetan und nach dem Liebesspiel mit den heimlich aufgenommenen Fotos kompromittiert. Es wurde erpresst, gelauscht, gespitzelt, desinformiert, entführt und auch gemordet. Berlin war im Kalten Krieg das Drehkreuz der Agentendienste.

Ganz besonders aktiv war der in Ost-Berlin ansässige DDR-Auslandsnachrichtendienst Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), der im Bundestag diverse Quellen hatte. Etliche Sekretärinnen von Bundestagsabgeordneten arbeiteten auch für die HVA. Beim Misstrauensvotum gegen den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt im Jahre 1972 war die HVA zur Rettung der Regierung Brandt im Einsatz.

Schmiedete Teheran Mordpläne?

Eine schwere innenpolitische Krise löste bald darauf der Fall des Agenten Günter Guillaume aus, der im Auftrag des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) im Westen spionierte und seit 1973 im Büro von Brandt als Referent saß. Nach der Enttarnung von Guillaume trat der Kanzler zurück.

Vor mehr als zwei Jahrzehnten wurde der Sozialdemokrat Karl Wienand wegen geheimdienstlicher Tätigkeit für das MfS verurteilt. Der frühere Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion war wohl so etwas wie ein Einflussagent, aber er bestritt bis zu seinem Tod alle Vorwürfe und behauptete, er sei nur ein geduldeter Kontaktmann gewesen.

Deutsche Nachrichtendienstler weisen gerne darauf hin, dass Berlin weiter die europäische Hauptstadt der Agenten sei. Ausländische Dienste spionieren von dort deutsche Ziele und gegnerische Dienste aus oder sie sammeln Informationen gegen Oppositionelle ihrer Länder. Oppositionelle werden manchmal, wie im Film, gekidnappt und in ihre Heimatländer entführt und deutsche Parlamentarier werden schon mal ausspioniert.

Das ist beispielsweise dem SPD-Abgeordneten Reinhold Robbe widerfahren, der früher Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft war. Ein später zu mehr als vier Jahren Haft verurteilter Agent, der für einen iranischen Geheimdienst arbeitete, hatte Bewegungsprofile erstellt. Robbe warf Teheran vor, Mordpläne gegen ihn gehegt zu haben.

Menschliche Schwachstellen

"Der menschliche Faktor" heißt ein alter Roman von Graham Greene über das Gewerbe, heute aber haben alle Dienste technisch enorm aufgerüstet. Die sozialen Netzwerke eröffnen neue Möglichkeiten, Menschen mit Zugang zu wertvollen Informationen anzuwerben oder abzuschöpfen. Aber den menschlichen Faktor gibt es weiterhin.

Vor Cyberangriffen versuchen Dienste etwa, menschliche Schwachstellen zu nutzen. Die vermeintlich freundliche Kontaktaufnahme mit jemand, der an einem interessanten Ort arbeitet, zieht immer noch.

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