Anastasios-Wall

Wenige haben je von ihm gehört, wenig auch ist übrig: Und doch war der Anastasioswall eines der größten Bauprojekte der Spätantike. Er verschlang Unsummen Geld, band Arbeitskräfte und Ressourcen - und nutzte praktisch gar nichts. Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches 476 planten die Oströmer, ihre prächtige Hauptstadt Konstantinopel weiträumig abzuschirmen. Gut 65 Kilometer westlich der Metropole ließ Kaiser Anastasios (491-518) eine steinerne Sperrmauer quer über die schmale thrakische Halbinsel ziehen, über 56 Kilometer vom Schwarzen Meer bis zum Marmarameer. Das Sperrwerk war etwas über fünf Meter hoch und durch Graben, Türme und Kastelle gesichert. Es waren harte Zeiten, und der Anastasioswall hielt ihnen nicht stand. Wieder und wieder durchbrachen slawische und awarische Invasoren die Mauer - eine Fehlinvestition epochalen Ausmaßes. Der Wall war zu schwach und viel zu lang, um ihn verteidigen zu können: So viele Soldaten konnte das bedrängte Reich niemals aufbringen. Erst an der dreifachen Stadtmauer der Kaiserstadt selbst scheiterten die Angreifer wieder und wieder. Der vorgelagerte Wall aber verfiel, englische Archäologen haben nach 1994 seine Überbleibsel erforscht - ein Mahnmal der Vergeblichkeit. Von Joachim Käppner

Bild: Chris McGrath 4. Februar 2017, 12:152017-02-04 12:15:10 © SZ vom 4./5.2.2017/lala