Süddeutsche Zeitung

Spenden in der Weihnachtszeit:Müde Gaben

Im Advent wird viel Geld für Gutes gespendet - und besonders oft dazu animiert. Doch die Freigebigkeit lässt offenbar nach.

Von Marie Gundlach

Es gibt Dinge, vor denen kann man sich am Jahresende nicht retten: Weihnachtsmärkte, Geschenkestress, Kalorien - und Spendengalas. Ein Charity-Event reiht sich ans nächste, Schlagerstars, Comedians und Fernsehlegenden werben für die gute Sache. Die ZDF-Show "Ein Herz für Kinder", die sich selbstbewusst als erfolgreichste Spendengala im deutschen Fernsehen bezeichnet und im vergangenen Jahr mehr als 24 Millionen Euro eingesammelt hat, gibt es schon seit 1978. Das weihnachtliche Spenden hat in diesem Land Tradition.

"Kein Mensch in Deutschland wacht morgens mit der Idee auf zu spenden", heißt es beim Deutschen Fundraising-Verband, dem Vereine wie "Amnesty International Deutschland" und "Aktion Deutschland Hilft" angehören. Umso besser, dass in der Vorweihnachtszeit wirklich jeder ans Spenden erinnert: Hilfsorganisationen, Supermärkte, Arbeitgeber oder eben das Fernsehen.

Längst hat der Spendenrausch auch die nächste Generation erreicht: Bekannte Streamer und Influencer veranstalten Spenden-Livestreams mit einer an die Fernsehlandschaft erinnernden Professionalität. Jan Böhmermann und Olli Schulz benennen ihren Podcast "Fest und Flauschig" kurzerhand für eine Charity-Ausgabe in "Fest und Festlich" um, die Youtuber Gronkh und Pietsmiet, im Netz bekannt geworden mit Videos über Computerspiele, veranstalten den zwölfstündigen Benefiz-Livestream "Friendly Fire". Das Publikum spendet direkt im Internet - und kann im Livestream beobachten, wie die steigende Summe zwischen Partyspielen und Gastauftritten ekstatisch gefeiert wird.

Mit ihren Fernsehvorbildern können die Online-Angebote spendentechnisch noch nicht ganz mithalten. Am vergangenen Samstag kamen bei "Friendly Fire" laut den Veranstaltern aber immerhin etwas mehr als eine Million Euro zusammen.

Spendenbereitschaft im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen

Wie erfolgreich die Carmen Nebels und Johannes B. Kerners dieses Jahr Menschen zum Geben für "die gute Sache" motivieren können, bleibt abzuwarten. Der "Deutsche Spendenmonitor", eine Marktforschungsstudie des Deutschen Fundraising-Verbandes, prognostiziert für 2023 eine schlechtere Spenderquote als im Vorjahr: Nur 48 Prozent der Bevölkerung werden voraussichtlich etwas spenden. Im vergangenen Jahr waren es noch 53 Prozent.

Dass Menschen nicht spenden, kann unterschiedliche Gründe haben: Womöglich haben sie sich einfach nicht genügend Spendengalas angeschaut. Vielleicht haben sie auch nicht das richtige Projekt gefunden, das sie unterstützen möchten. Ganz sicher ist das Geld durch die Energiekrise in vielen Haushalten gerade knapp.

Die durchschnittliche Summe pro Spender bleibt voraussichtlich leicht hinter der des Vorjahres zurück: 170 Euro im Jahr, drei Euro weniger als im Jahr 2022. Aber all das sind nur Prognosen: Ein großer Teil dieser Summe wird erst im letzten Quartal des Jahres gespendet - Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Der Deutsche Spendenmonitor rechnet mit 5,8 Milliarden Euro. Das ist zwar etwas weniger als im Jahr 2022, aber immer noch eine ganze Menge Geld. Das Haushaltsloch ließe sich damit nicht stopfen, doch eine Menge hungriger Mägen ganz bestimmt.

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