Spekulationen um Vergiftung Arafats:Spuren ins Chaos

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File photo of a Palestinian holding a banner depicting Arafat during a rally in Ramallah

Für die Palästinenser ist klar, dass nur Israel für den Tod ihres Nationalheiligen Jassir Arafat verantwortlich sein kann.

(Foto: Oleg Popov/Reuters)

Ist Jassir Arafat vergiftet worden? Französische Forscher sagen nein - und widersprechen damit ihren Kollegen aus der Schweiz. Der Tod des Palästinenserchefs gibt nach wie vor Rätsel auf. Damit allerdings können alle Seiten ganz gut leben: die Palästinenser, die Israelis - und selbst Arafats Frau.

Von Peter Münch, Tel Aviv

Noch im Tod gibt Jassir Arafat der Welt immer neue Rätsel auf. Die jüngste Nachricht zum mehr als neun Jahre zurückliegenden Exitus des Palästinenser-Führers lautet, dass er nun doch nicht vergiftet worden sei. Dies zumindest haben laut der Nachrichtenagentur AFP die Untersuchungen der französischen Experten ergeben, die vor einem Jahr in Ramallah an der Exhumierung mit anschließender Autopsie des Leichnams beteiligt waren.

Damit widersprechen die Franzosen einem Schweizer Forensiker-Team, das in den gleichen Proben auf Spuren des radioaktiven Stoffs Polonium-210 gestoßen war und daraus den Schluss gezogen hatte, dass eine Vergiftung "nicht auszuschließen", ja sogar wahrscheinlich sei.

Auch Russland mischt sich in Spekulationen ein

Weltweit und vor allem im Lager der Palästinenser hatten sie damit das Tor zu Verschwörungstheorien weit aufgestoßen. Als sicher darf jedoch auch nun allein gelten, dass im Graben zwischen den divergierenden Expertenmeinungen noch genügend Platz bleibt für weitere Mutmaßungen und Schuldzuweisungen. Komplettiert wird das Chaos nämlich noch durch eine dritte Stimme von russischen Experten, die vor einigen Wochen zunächst meldeten, dass sie keine Vergiftungsspuren gefunden hätten - und diese Meldung dann kommentarlos wieder zurückzogen. Mit Fortsetzungen ist also weiter zu rechnen.

Der Fall ist schließlich spektakulär und mit vielerlei Interessen beladen. Als treibende Kraft zeigt sich Arafats Witwe Suha im Verbund mit dem katarischen TV-Sender Al-Jazeera. Hier wurde die Totenruhe des alten Kämpfers zunächst im Sommer 2012 gestört durch eine Dokumentation, in der die Schweizer Experten erstmals über Polonium-Spuren sprachen. Gefunden worden waren sie etwa an einer urinbefleckten Unterhose, die Arafat bei seinem Tod in einem Pariser Militärkrankenhaus am 11. November 2004 getragen hatte.

Witwe wollte zunächst keine Obduktion

Suha Arafat hatte diese Unterhose zusammen mit anderen Utensilien den Forensikern überreicht, um nach eigenen Angaben endlich das Rätsel eines Verbrechens zu lösen, an dessen Aufklärung sie zuvor weit weniger Interesse gezeigt hatte. Jedenfalls verweigerte sie nach dem Tod ihres Mannes eine Obduktion, die Neues über das geheimnisumwitterte Hinscheiden hätte hervorbringen können. Nach dem Al-Jazeera-Bericht jedoch reichte sie Klage an seinem Todesort in Frankreich ein, was schließlich im November 2012 zur Obduktion führte.

Als damals insgesamt drei Institute mit der Auswertung betraut wurden, zeichnete sich schon ab, dass nicht unbedingt ein klares Ergebnis zu erwarten war. Statt wie angekündigt drei Monate zogen sich die Untersuchungen schließlich über mehr als ein Jahr hin - und lieferten nun widersprüchliche Ergebnisse.

Damit allerdings dürften womöglich alle Seiten am besten leben. Die Palästinenser können Israel weiterhin beschuldigen, ihren Nationalheiligen hinterhältig mit Polonium ermordet zu haben. Je kraftvoller sie das tun, desto weniger muss sich die Führung um Präsident Mahmud Abbas auch den unangenehmen Fragen stellen, ob nicht vielleicht auch ein paar Verräter aus den eigenen Reihen an einem Komplott gegen den altersstarren Patriarchen beteiligt gewesen sein könnten.

Die Israelis aber können alles abstreiten, weil schließlich am Ende der schlagende Beweis fehlt. Und Suha Arafat, die dem palästinensischen Volk als Prasserin verhasst ist, hat als rächende Witwe endlich ihre Rolle gefunden.

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